Ausstellungen: Berlin , 1997

Jutta Schenk-Sorge

Dieter Appelt

Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin,

09.11.1996 – 5.1.1997

Dieter Appelt gelingt eine Gratwanderung. Daß er dabei nicht abstürzt, sichert ihm seine strenge formale Disziplin. Denn ein zeitgenössischer Künstler, der sich an existentielle Fragen menschlichen Seins wagt, setzt sich gerade heute, da es für „große Themen“ kein akzeptiertes Vokabular mehr gibt, unvermeidlich dem Risiko aus, an ihrem Gewicht und Pathos zu scheitern. Der Titel einer Bildsequenz von 1981 benennt die Richtung: „Image de la vie et de la mort“. In Fotoserien, die sich zu großen Tableaus fügen, spielt Appelt Extremsituationen durch. Das eigene Gesicht, häufig in bedrängend engen Ausschnitten, und der eigene Körper dienen dem ursprünglich als Sänger ausgebildeten Künstler ganz selbstverständlich als Arbeitsmaterial und Ausdrucksinstrument. Obwohl nackt, erscheint er geschlechtslos, überindividuell und überzeitlich. Appelt dokumentiert nicht Aktionen, sondern erarbeitet präzise Inszenierungen, die auf das autonome, fotografische Bild-ergebnis hin angelegt sind. Wir sehen ihn embryonal gekrümmt in einer wassergefüllten Bergmulde, dann an den Füßen von einem Baum hängend wie ein erlegtes Tier oder der mythologische Marsyas und in Holzgestelle eingespannt gleich mittelalterlichen Märtyrern oder modernen Folteropfern. Lehmverkrustet wird er Teil der Erde „Unter dem Dornenbusch“ oder treibt, nur von einer „Holzkrone“ gehalten, auf der Wasseroberfläche. In der Sehnsucht nach Verschmelzung mit der Natur, verrät sich eine romantische Prägung, die sich noch entscheidender in der dem Künstler zugewiesenen Rolle niederschlägt. Stellvertretend vollzieht er archaisch anmutende Rituale und zeigt gleichzeitig die existentielle Exponiertheit des Menschen auf und seine Vergänglichkeit. Das religiöse Moment unterstreichen wiederholte Verweise auf die christliche Ikonographie, den Gekreuzigten. Eine der…

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von Jutta Schenk-Sorge

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