Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Peter Bürger

Duchamp 1987

1. Von der Unmöglichkeit, über Duchamp zu schreiben

„Marcel Duchamp is all but impossible to write about: Anything I may say about him is at the same time untrue, but when think of him I get a sweet taste in my body“ (Robert Rauschenberg)1

„Alles, was eine große Wirkung getan hat, kann eigentlich gar nicht mehr beurteilt werden.“ Dieses Goethe-Wort aus den Gesprächen mit dem Kanzler von Müller zitiert Benjamin im Fuchs-Aufsatz, und er fügt hinzu: „Kein Wort ist gemäßer, die Beunruhigung hervorzurufen, die den Anfang jeder Geschichtsbetrachtung macht, welche das Recht hat, dialektisch genannt zu werden. Beunruhigung über die Zumutung an den Forschenden, die gelassen kontemplative Haltung dem Gegenstand gegenüber aufzugeben, um der kritischen Konstellation sich bewußt zu werden, in der gerade dieses Fragment der Vergangenheit mit gerade dieser Gegenwart sich befindet.“2

Seit Hegels Satz vom Ende der Kunst wird die bürgerliche Gesellschaft in periodischen Abständen von der Vermutung heimgesucht, sie hätte gar keine ihr genuin entsprechende Kunst. Wie die Stilvielfalt des Historismus nur falscher Reichtum, so sei das Entwicklungstempo der Kunst des 20. Jahrhunderts nur leere Bewegung, hinter der sich keine geschichtliche Notwendigkeit ausmachen lasse. Das heute erneut verkündete anything goes ist in der Malerei seit dem Anfang der 20er Jahre von Picabia bereits praktiziert worden. Duchamps Entschluß, die Malerei aufzugeben, markiert die Gegenposition (ein rien ne va plus), korrespondiert aber untergründig mit Picabias Praxis: Zwei Modi der Negation. Wenn es nichts ästhetisch Notwendiges gibt, kann man ebensogut alles machen wie aufhören.

Die Schwierigkeit, über Duchamp zu schreiben, ist nicht…

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