Titel: Art Brut , 1979

Jacques Flach

Eine Ablagerung von Schmerzen: Art Brut

Jeder Künstler definiert sich durch Abgrenzung. Er sieht sich als Glied einer Kette, arbeitet in einer historischen Entwicklung und reflektiert seine Position innerhalb dieser Kette, beobachtet die anderen Positionen. Demgegenüber arbeiten die Gestalten, die Jean Dubuffet treffend unter dem Begriff „Art Brut“ zusammenfaßte, aus einer längst geschehenen hermetischen Abgrenzung heraus. Ahistorisch vervollkommnen sie ihr abgekapseltes System, ohne Distanz zu ihrer Obsession, ohne Sublimierung von Leidensdruck. Die Einzelgänger der „Art Brut“ sind aber, im Gegensatz zur „Bildnerei der Geisteskranken“ ihrem Ausdruckszwang nicht ausgeliefert, sie steuern ihn. Der gemeinsame Nenner der Künstler der „Art Brut“, will man unbedingt einen finden, ist eine künstlerische Unverbrauchtheit und ständige Erneuerung, eine unsublimierte Expressivität, gewissermaßen eine Leidensverbrennung ersten Grades. Durch diesen rohen Zustand der Kunst, den Verzicht auf allen Ballast und jede Verzierung, vermitteln diese Künstler, die auf Grund einer besonders ausgeprägten Isolation tiefe Leidenserfahrungen gemacht haben, eine ungewöhnliche Intensität. Wir finden hier einen unerschöpften Erfindungsgeist wie eine absolute Zweckfreiheit.

Trotz eines gewissen durch Dubuffet geweckten Interesses ihnen gegenüber, werden sie allgemein zu Sonderlingen abgestempelt. Auch wenn durch die documenta 5 und andere Ausstellungen einige wenige Künstler der „Art Brut“ in Deutschland vorgestellt wurden, gibt es noch keine ausführliche Publikation in deutscher Sprache über das Phänomen „Art Brut“ in seiner Gesamtheit. Von den etwa 200 Künstlern der Sammlung „Art Brut“ in Lausanne sind in Deutschland nur etwa 3 oder 4 gezeigt worden wie zum Beispiel Adolph Wölfli und Heinrich Anton Müller. Darum nimmt sich dieser Aufsatz vor, einige Künstler vorzustellen und…

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von Jacques Flach

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