Magazin · von Matthias Reichelt · S. 505
Magazin , 2000

Eine neue Koalition für die Befreiung von der deutschen Nazi-Vergangenheit

Moshe Zuckermann: Gedenken und Kulturindustrie

Standort Deutschland im Sommer 2000: Drohungen, Angriffe gegen Andersdenkende, Ermordung von Dunkelhäutigen, Juden und Obdachlosen. Mit vollem Recht kann vielerorts von Pogromen gesprochen werden. Neu ist diese Entwicklung keineswegs, vielleicht massiver als in den Jahren zuvor. Wer allerdings über Jahre entsprechende Publikationen verfolgt hat, wusste schon früh über die Zustände in diesem Land Bescheid. Auf der anderen Seite ist das (wieder)vereinte Deutschland im Rahmen der europäischen Vereinigung in Hinblick auf internationalen politischen Einfluss und wirtschaftliche Potenz in die vorderste Reihe der global wichtigsten Staaten vorgedrungen. Das frühere Tabu, eine aktive Rolle in einem Krieg zu führen, wurde – Ironie der Geschichte – gerade von der rot/grünen Bundesregierung gebrochen, deren Mitglieder von der Studentenbewegung in den 60er Jahren geprägt sind. Die Sehnsucht, den Sonderstatus Deutschlands aufgrund seiner beispiellosen Nazi-Verbrechen endgültig ad acta zu legen, zieht sich durch mehrere Reden von Intellektuellen aus dem linksliberalen Lager. Der deutsche Zeitgeist, trotz durchaus pluraler und heterogener Strömungen, möchte die deutsche Geschichte endlich vom Schatten Hitlers befreien.

Professor Moshe Zuckermann, der Geschichte und Philosophie der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften an der Universität in Tel Aviv lehrt und seit Februar diesen Jahres Leiter des dortigen Instituts für deutsche Geschichte ist, hielt sich 1998/1999 für zehn Monate am Wissenschaftskolleg in Berlin auf. Er wurde damals Zeuge einer von ihm diagnostizierten „Zeitenwende“ im linken und linksliberalen Milieu der Bundesrepublik und nahm dies zum Anlass für den vorliegenden, in fünf Kapitel unterteilten, Essay. In den ersten drei…

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