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Kommentar · S. 338
Kommentar , 1988

Jürgen Raap
Ende des Sittenbildes?

Über den „Kunstvorbehalt“ in der Pomografie-Debatte

Die „Por NO!“-Kampagne, die jüngst die Zeitschrift „Emma“ angeheizt hatte, kann erste Erfolge vermelden. In Bonn und Aachen bekamen die örtlichen Straßenbahnen heftigste Entrüstung zu spüren, weil auf den Reklameflächen ihrer Waggons ein Seifenhersteller mittels einer unbekleideten Badenixe in Profilansicht für sein Produkt warb. Einige forderten, es möge sich gefälligst auch ein nackter Mann zum Tummelbad in der prickelnden Frische gesellen, die Mehrheit der Kritiker plädierte mehrheitlich für die sofortige Entfernung des Meerjungfrauenmotivs. Wie hätte man reagiert, wenn sich die Werbeagentur für Rembrandts Version des biblischen Motivs der „Susanna im Bade“ entschieden hätte?

Daß sich im Kampf gegen die Erniedrigung und Vermarktung des weiblichen Wesens, speziell seines Körpers, ultra-konservative Mucker mit „Volkswartbund“-Mentalität in die Frauenbewegung einreihen, veranlaßte Alice Schwarzer zur Differenzierung: „Es geht nicht um .Unsittlichkeit‘, sondern um Frauenfeindlichkeit. Es geht nicht um Sex, sondern um Macht“, schreibt sie im Vorwort zu Andrea Dworkins Buch „Pornografie“.1

Dem „Spiegel“ indessen geht es auch um Kunst, als Einstieg zur Titelgeschichte über die Last mit der Lust wählte das Magazin den Jugendstilmaler Egon Schiele, dessen Aktzeichnungen im Jahre 1912 verboten und verfemt waren.2 Die Stichworte „Kunst“ und „Kultur“ kommen im Dworkin-Buch allerdings auch nur an zwei Stellen vor, als „Die Kunst, Frauen zu beherrschen“, und in der verallgemeinernden Behauptung: „Die sexuelle Macht der Männer ist die Grundsubstanz der Kultur“.3

War somit Marcel Duchamp der erste und einzige Feminist in der Kunst, als er der Mona Lisa einen Schnurrbart anmalte? Trotz Frau Schwarzers Bekundung, es ginge eben nicht…


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