Magazin , 2005

Ursula Maria Probst

Ethik und Genießen.

Sobald es ans Genießen geht, werden damit meist Annehmlichkeiten und lustvolle Erlebnisse verbunden. Die Geschichte der Rezeption bzw. der Nicht-Rezeption des französischen Strukturalismus durch die deutschen Intellektuellen, gelangt zunächst zynisch im Briefwechsel zwischen Martin Heidegger und Jacques Lacan zum Ausdruck. Ignorant kommentierte Heidegger einen Brief, den er von Lacan erhielt mit den Worten „(…) mir scheint der Psychiater bedarf des Psychiaters (…)“. Laut Tim Casper Boehme besteht die Hauptschwierigkeit von Lacans Schriften in der Sperrigkeit seiner Sprache und damit befindet er sich in bester Gesellschaft. Der Drang nach einem interpretatorischen Vokabular findet seine Widerspiegelung in der Methode Lacans, sich die philosophische Tradition anzueignen. Darin sah bereits Jacques Derrida die spezielle Stärke von Lacans Zugang zur Philosophie und strich Lacans Hang zur Dramatisierung hervor. Laut Derrida setzte Lacan so das Begehren des Philosophen in Szene und eröffnete den Raum für eine neue philosophische Kultur.

Nun regt der Slogan „Was Sie schon immer über Kants Ethik wissen wollten, aber Lacan nie zu fragen wagten“, durchaus zur Lektüre an. Ob es nun eine „Ethik des Genießens“ gibt, darüber erfährt man unter dem Begriff der „Ethik der jouissance“ mehr. Ein klares Rezept für ein ethisch einwandfreies Verhalten, wenn Handlungsbedarf gefordert ist, haben allerdings weder Lacan, noch Kant, noch Boehme zu bieten. Wie vermag sich der „Imperativ des Unbewußten“ über moralische Gesetze hinwegzusetzen und durch die Pflicht zum Genießen ein gleichrangiges Pendant zu schaffen? Der Begriff der „jouissance“, wie in Folge der Genuss beschrieben wird, nimmt in der lacanschen Ethik eine zentrale…

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von Ursula Maria Probst

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