Titel: Hot Spot Tropen · von Viola König · S. 54
Titel: Hot Spot Tropen , 2009

Viola König

Farben der Tropen II

Mit den Farben der Tropen verhält es sich ganz so wie mit den Tropen selbst: Nur wer sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der Tropen aufhalten kann, vermag sie als solche zu erkennen. Einer der ersten, der dazu Stellung bezog, war Alexander von Humboldt: Verstrickt in die zeitgenössische Auseinandersetzung zwischen naturwissenschaftlichen Farbsystemen (Newton) und kreativ-künstlerischen (Goethes Farblehre) entschied er sich letztlich für das „fortschrittlichere“ naturwissenschaftliche. Seither existieren beide nebeneinander, doch nicht mehr als Gegensatz, sondern komplementär.

Der blüne Ozean – Nur ein Wort für Blau und Grün

Längst nicht alle Fragen der menschlichen Farbwahrnehmung sind geklärt. Für bekannte Phänomene ergab sich erst jüngst eine Begründung: Uns wurde im Studium beim Erlernen der Mayasprachen erklärt, dass die Maya nicht zwischen Grün und Blau unterschieden; die beiden Farben seien für sie zumindest sprachlich identisch. Heute weiß man, dass sie für die Bewohner in Äquatornähe auch tatsächlich identisch sind. Unter dem Titel „Der blüne Ozean“ ging Jochen Paulus der Tatsache auf den Grund, dass viele Völker in den Tropen für „Blau“ und „Grün“ nur ein Wort haben: Die Ursache liegt in der UV-Strahlung. Wie die Maya und viele andere Kulturen verwenden auch die Berinmo in Papua-Neuguinea dasselbe Wort für Blau und Grün, andere Sprachen helfen sich mit dem Wort für „Dunkel“ anstelle eines eigenen Begriffes von „Blau“. Können Angehörige dieser Kulturen die Farben nicht unterscheiden? Johann Gottfried von Herder und Wilhelm von Humboldt argumentierten, wenn die Sprache keine Vokabeln dafür bereithielte, könnten die Sprecher solche Farben de facto auch nicht voneinander unterscheiden. Doch warum in einigen Sprachen Farben voneinander unterschieden werden und warum in anderen nicht, konnten weder sie noch nachfolgende Linguisten erklären.

Die beiden Psychologen Delwin Lindsey und Angela Brown von der Ohio State University fanden die Begründung in den Tropen, wo die meisten Blau und Grün nicht unterscheidenden Sprachen beheimatet sind. Ihre These beruht auf der Prüfung von 203 Sprachen. Ergebnis: Je mehr UV-Licht die Menschen ausgesetzt sind, desto eher werden sie kein Wort für Blau kennen. Die UV-Strahlen schädigen in der Netzhaut jene „Zapfen“, die auf die blauen Anteile im Licht reagieren, und sie lassen die Linse des Auges schneller altern. Hier kommt es im Lauf der Lebensjahre zu einer Häufung gelblicher Pigmente, die wiederum die kurzwellige Strahlung am blauen Ende des Spektrums schlucken. Nur noch die grünlichen Anteile kommen gut durch, reines Blau jedoch wird als dunkel empfunden. Andererseits erkennen etwa die Berinmo im Spektrum zwischen Gelb und Grün Nuancen, die in den außerhalb der Tropen entwickelten Sprachen keine Entsprechung finden (siehe Jochen Paulus in: „Die Zeit“, 27.2.2003, Nr. 10).

Nun sind in der aktuellen Ausstellung „Die Tropen“ (Brasília, Rio, Berlin) Textilien aus dem Gebiet der in Guatemala lebenden Maya vertreten, die auf das Auge des Betrachters gerade durch ihre verschiedenen, von einander abgehobenen Grün- und Blautöne wirken.

Sollten die Weberinnen diese Unterschiede tatsächlich nicht wahrgenommen, nicht bewusst gewählt haben, um ihr Muster zu erzielen? (siehe Bild)

Süßlich-faulige Gerüche – Mango, Banane, Volieren, Aquarien

Mit wenigen Ausnahmen sind intensive und üppige Farbkombinationen in den Tropen heimisch. Die tropische Vogelwelt mit Papageien wie Aras, Kakadus, Amazonen und Sittichen, ferner Kolibris, Tukanen sowie Tropenfischen, Meerestieren wie Korallen, vor allem aber die üppige Pflanzenwelt mit Orchideen, Bromelien, Kokospalme, Ananas, Banane usw. beeindruckten die Europäer so sehr, dass sie als Exoten in Volieren, Aquarien und Gewächshäusern gehalten wurden, dem Fürsten als Beweis dienend, dass man weit reichende Kontakte in ferne Welten unterhielt. Auch ein „farbiger“, meist aus Indien stammender Diener zählte zu solch höfischem Repertoire. Das Bewusstsein von tropischen Farben geht mindestens bis in das Zeitalter der Entdeckungen zurück. Tropenfarben zeichneten genau die Handelsgüter aus, wegen derer man in ferne Kontinente strebte, sie erkundete und eroberte: Gewürze wie Chili, Kardamom, Vanille, Zimt, Muskat sowie Seide und Gewebe, gefärbt in tropischem Indigo oder dem roten Farbstoff, der aus der Cochenille-Laus gewonnen wird. Einheimische Zubereitungs- und Färbetechniken erregten von jeher das Interesse der Europäer. Zum tropischen Repertoire von Königen, Herzögen, aber auch wohlhabenden Kaufleuten zählten auch Früchte und Genussmittel wie Kakaoschoten und Kaffeebohnen, wenngleich die wahre Vielfalt von Passionsfrucht, Guave, Mango, Papaya, Kiwi, Ananas, Maracuja, Darian usw. aufgrund mangelnder Konservierungsmöglichkeiten lange nur aus Berichten der Reisenden bekannt war.

Selbst heute, im Zeitalter des Erdumspannenden Lebensmittelimports, gehören farbenprächtige Märkte in typischen Tropenfarben vor allem in Afrika, Indien, Südostasien und Lateinamerika zum Alltag, da die angebotenen Speisen schnell verderblich sind. Wer jemals einen Markt in den Tropen besucht hat, wird die süßlich-fauligen Gerüche am Ende des Marktages nicht wieder vergessen.

Die Metapher des Gürtels – Tropengürtel

Die Auswahl in der „Tropen“-Ausstellung zeigt die Farben der Tropen am Beispiel von Objekten aus Brasilien, Panama, Guatemala, Thailand, Sri Lanka, Indien und Afrika. So unterschiedlich ihre Herkunft, teilen sie neben ihrer Farbenpracht doch die Funktion als Kleidung der Menschen in den Tropen: üppige Gewänder und originelle Accessoires, beeindruckender Kopfschmuck und grelle Masken, schließlich die Variante als Miniaturen bzw. Puppenspielfiguren.

Eine Ausstellung kann nur begrenzt auf den zu der Kleidung gehörigen Kontext wie Gesichtsbemalung, Performance (Ritual, Festzyklen, Schauspiel), inklusive der Düfte, Klänge und Geschmacksnoten eingehen. Doch erst im Zusammenspiel mit diesen Komponenten zeigt sich das ganze Kunstwerk. Die zeitgenössische Kunst mit ihren multimedialen Ausdrucksformen (Film, Performance, Installation) kann hierzu wesentlich mehr beitragen, als die schon lange im Museum befindlichen, dekontextualisierten und traditionellen Kunstwerke.

Als Leitlinie für die Konzeption des Ausstellungsraumes mit Textilien u. ä. diente die Metapher des Gürtels im übertragenen Sinn, d.h. sowohl als Kleidungsstück zum Zusammenhalten der Kleidung und Betonung der menschlichen Taille als auch als Symbol für den „Tropengürtel“, den Äquator selbst sowie auch das Band der Tropen zwischen den Wendekreisen von Krebs und Steinbock. Die Anordnung der Objekte folgt der geografischen Lage auf den Längengraden. Der Betrachter bewegt sich innerhalb der Weltkugel an ihrem äußersten Rand – der Wand des runden Ausstellungsraumes. Die Farbenroute beginnt in Westafrika, in Ghana. Führt weiter nach Indien, von dort auf die Inseln von Sri Lanka und Indonesien. Kehrt zurück auf das südostasiatische Festland nach Thailand bis in das Bergland des „Goldenen Dreiecks“. Von hier wird ein großer Sprung über den Pazifik gemacht bis nach Mittelamerika, ins Hochland von Guatemala, dann anschließend an die Karibikküste von Panama. Mit dem Amazonastiefland von Brasilien endet die Route, vis-à-vis der afrikanischen Goldküste, wo die Reise begann.

Ghana: Kente-Kunst der Ashanti. Kente bezeichnet das typische Webtuch der Ashanti, das aus 16–20 schmalen, von Männern gewebten Streifen mit unterschiedlichen geometrischen Mustern besteht. Traditionell wurden die Kente von Trägern beiderlei Geschlechtes zu besonderen Anlässen getragen – von den Männern wie eine Toga, von den Frauen als Umschlagtuch, schulterfreies Gewand oder Wickelrock. Gelb und Grün sind die Königsfarben, denn ursprünglich war Kente dem König vorbehalten, der die Herstellung und Verwendung kontrollierte. Heute werden Kente von jedermann und zu allen Anlässen getragen – doch nach wie vor als Prestigeobjekt.

Zu 195_104_003.jpg:

Süd- und Südostasien: Dämonen und Könige im Theater. Das Theater in den verschiedenen Kulturen Süd- und Südostasiens basiert auf indischen Vorlagen, insbesondere dem Epos Ramayana. Die äußerlichen Erscheinungsformen und Requisiten wie Puppenspielfiguren, Masken und Kleidung zeichnen sich durch eine besondere Farbenvielfalt und -intensität aus. Die Farben haben jedoch nicht nur ästhetische Funktion, sondern vor allem symbolischen Aussagegehalt: Sie „sprechen“ und erläutern die Charaktere der Akteure, sowohl der maskierten und kostümierten Schauspieler und Tänzer als auch der bemalten Figuren, die sie darstellen

Indonesien: Bunte Stabpuppen des Wayang Golek. Unter der Bezeichnung Wayang (Schatten) vereinigt sich eine Vielzahl von Theaterformen, getanzte und in Dramen umgesetzte Mythen mit ethisch-moralischen Botschaften. Beim Wayang golek handelt es sich um dreidimensionale, bemalte vollplastische Holzfiguren, ausmodelliert bis zur Taille, die auf einen Stab gesteckt sind. Das Unterteil besteht nur aus dem Gewand. Das beliebte Wayang golek wird ausschließlich auf der islamisch geprägten Insel Java aufgeführt. Die Farbe betont Charakter und Zugehörigkeit: weiß für besonders edle und vornehme, rosa für gewöhnlichere Figuren, rot für aggressive, kraftvolle Typen.

Sri Lanka: Masken des Kolam. Größe und Ausdruckskraft der mehrfach bemalten und lackierten Ceylon-Masken beeindruckten in Europa so sehr, dass solche Masken auch in „Hagenbecks Völkerschau“ eingesetzt wurden. Allein über eine Million Besucher sahen 1886 in Paris die Ceylon-Schau. Ursprünglich hatten die Masken zwei unterschiedliche Funktionen: Sie wurden bei rituellen Tänzen zur Heilung von Krankheiten eingesetzt (Sanni-Dämonen) oder sie tanzten in ihren spezifischen Rollen bei Theateraufführungen des Kolam.

Kopfmasken für das Khon Theater, „Rama (Phra Ram)“, gefasstes Papiermaché, Leder, Spiegel, Holz, Vergoldung, Höhe: 32,3 cm. Und: „Garuda (Khrut)“, Gefasstes Pappmaché, Spiegelglas, Leder, Höhe: 55 cm Beide: Thailand, 2. Hälfte 19. Jh.

Thailand: Das Maskendrama Khon. Khon bezeichnet das klassische Maskendrama Thailands mit der Maske als wichtigstes Requisit. Ursprünglich war Khon den Königen und dem Adel vorbehalten; außerdem gab es nur männliche Tänzer, die auch die weiblichen Rollen spielten. Heute werden die Khon-Aufführungen von Darstellern beiderlei Geschlechtes vorgetragen. Wichtiges Element einer Aufführung ist das Piphat-Orchester bestehend aus Xylophonen, Gongs, Trommeln und Flöten. Doch nicht nur Musik und Begleittext erläutern den Auftritt der Masken, sondern auch die Gesten des Körpers für Aussagen wie Akzeptanz, Ablehnung, Ansprache oder Gefühle wie Liebe, Hass, Ärger, Freude und Sorge.

Goldenes Dreieck: Rot und Weiß der Mohnblüte. Traditionell ist das „Goldene Dreieck“ als Hauptanbaugebiet von Schlafmohn für Heroin und Opium bekannt geworden. Das leuchtende Rot und Weiß der Mohnblüte, das Grün der Bergflora und das Blau von Himmel und fernen Gebirgszügen, bestimmen auch die Farbenpalette der Trachten und des Schmucks der Bergvölker des „Goldenen Dreiecks“. Augenfälligstes Unterscheidungsmerkmal sind die Trachten, doch allen Stämmen ist gemein, sich besonders zum Neujahrsfest neu einzukleiden, denn das Tragen alter Kleidung könnte Unglück bringen.

Amazonien: Durch Federschmuck ein Vogel werden. Federarbeiten wie generell Kunst ist in vielen außereuropäischen Kulturen funktionellen Ursprungs, sei es als Schmuck und Ornat, Paraphernalia im Ritual oder Bestandteil von Festen. Im Amazonasgebiet, wo tropische Vögel in Fülle vorhanden sind, kennzeichnet Federschmuck den besonderen Rang des Trägers, der meistens ein Mann ist und der von Männern angefertigt werden muss. Ähnlich wie bei den Trachten gibt der Federschmuck Auskunft über Alter oder Status. Männer nehmen durch das Anlegen von Federschmuck gleichzeitig Wesenszüge des Vogels an.

Südamerika: Die Farbe der Vögel als Federschmuck. Im Federschmuck findet die indianische Kunst ihre wohl höchste Ausprägung. Man kann Südamerika auch als den Vogelkontinent bezeichnen, in dem 2936 verschiedene Vogelarten leben, d.h. ein Drittel der gesamten Vogelpopulation der Erde. Mit Federarbeiten, oder besser, „Federschmuck“, wird deshalb nicht von ungefähr das südamerikanische, tropische Tiefland assoziiert. Die Farben werden entweder durch Pigmente gebildet (rot, gelb, braun) oder durch die Lichtbrechung in schwarzen Federn. Mischfarben ergeben sich aus Kombinationen der Grundfarben.

Guatemala: Huipiles der Maya. Im Hochland von Guatemala stellen die Maya ebenfalls farbenprächtige Textilien her, die der Kleidung der Bergvölker des „Goldenen Dreiecks“ nicht nur in ihrer Farbgebung, sondern auch hinsichtlich des Schnitts der Hosen, Blusen und Röcke, aber auch der Muster und Farben, Herstellungs- und Färbetechniken frappierend ähneln. Beide verwenden Indigo für die Blau und Blauschwarz-Gewinnung, färben in der Ikat-Technik, bei der Teile des Fadens vor dem Färben abgebunden und umwickelt werden, um keine Farbe aufzunehmen. Huipil ist das aztekische Wort für die Frauenbluse im indianischen Stil schlechthin.

Panama: Molakana der Cuna. Die Cuna besiedeln heute die karibische Küste Panamas und die vorgelagerten Inseln. Im Ausland werden die Cuna mit der Mola-Kunst identifiziert; schon lange werden Molakana (Plural von Mola) an Sammler und Touristen verkauft. Ein sehr früher Bericht von 1514 gibt Auskunft, dass die Kunst ursprünglich von der Körperbemalung stammt: „Die Frauen sind die Maler. Die Farben, die sie schätzen und benutzen, sind rot, gelb und blau. Sie mischen sie mit einer Art von Öl. … Sie benutzen Holzpinsel. … Sie malen Vogelfiguren, Tier, Menschen, Bäume. … Aber die Darstellungen sind nicht besonders ähnlich jenen, die sie darstellen sollen.“