Magazin: Publikationen , 1995

Fassaden

Christian W. Thomsens Bildband

»Architekturphantasien. Von Babylon bis zur virtuellen Architektur«

Christian W. Thomsens unterscheidet in seinem reichbebilderten Buch zwischen Phantasiearchitekturen und Architekturphantasien: Das eine sollte nie, das andere wurde meist nicht gebaut. „Wenn Architekten, aus welchen Gründen auch immer, nicht bauen dürfen oder können, dann entwerfen sie Architekturphantasien, schreiben Manifeste.“ Schon in der Einleitung wird die Leerstelle markiert, die dem schwelgerischen Buchprojekt das Fundament entreißt. Warum genau wird nicht gebaut, was der Phantasie des Architekten entspringt? Dies zu erkunden wäre doch notwendig, soll der Realitätsgehalt gegenüber Phantasmen unterschieden werden. Daß beispielsweise Jean Nouvels .’Turm ohne Ende`, welcher mit Lichtkanonen, lichtsensiblen Fassaden und motorgesteuerten Parabolspiegeln im Pariser Westend bis in die schwindelnde Höhe von 4000 Meter leuchten soll, sein wahres Ende wohl zeitgleich mit dem der Ära Mitterand findet, hat keinerlei Analyse zu Konjunkturen, Moden und Kräfteverhältnissen zur Folge.

Zwar rühmt Thomsen Senecas frühe Darstellung eines realistischen Großstadtlebens, welche „auf Verkehrsgewimmel, Boden-, Bau- und Mietspekulation, ungenügende Straßen- und Sanitärverhältnisse, auf bis zu 35 m hohe Mietshäuser, spartanische Privatquartiere und großzügige öffentliche Bauten“ in Rom eingehe. Auch verweist er auf technische Schwierigkeiten bei immer höher strebenden Wolkenkratzern, bei denen Energieverbrauch, Installation von Versorgungsleitungen, Erzielen des nötigen Wasserdrucks, Klimatisierung oder die Logistik vertikaler Verkehrsströme ungeheure Ressourcen verbraucht. Über weite Strecken jedoch sieht der Autor von solch lästigen Realitäten ab und widmet sich einem Genie-Kult, wie er sich allenfalls noch in den Marketing-Abteilungen anspruchsvoller Immoblienfirmen halten kann. So tummeln sich in dem Buch lauter Querdenker, Grenzüberschreiter, Exzentriker, Ausgeflippte, „Kärtner Urgesteine“ oder Visionäre, welche „das saturierte Establishment…

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von Jochen Becker

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