Ausstellungen: Paris · von Michael Hübl · S. 406
Ausstellungen: Paris , 1997

Michael Hübl

Flammende Stille

Ange Leccia

Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, 4.10. – 23.11.1997

Ange Leccia hat die Futuristen ausgebremst. Als er 1986 in der Ausstellung „Je suis absent jusqu’à mon retour“ (Bis zu meiner Rückkehr bin ich nicht da) teilnahm, parkte er im Magasin von Grenoble zwei schwere Limousinen der Marke „Volvo“ – face à face, Kühler an Kühler. Die Karossen starrten sich gegenseitig in die eingeschalteten Scheinwerfer: Birne um Birne, Watt um Watt. Leccia hat später etliche solcher Gegenüberstellungen inszeniert, etwa bei den „Skulptur. Projekten“ 1987 in Münster, wo er zwei Fußballtore aneinander schmiegte. Deutlicher als in diesem Arrangement eines Zwangsunentschieden trat Leccias Methode der ästhetischen Schubumkehr an zwei Mähdreschern zutage, die für 14 Tage vor dem Schloß postiert wurden. Man hat mit den landwirtschaftlichen Maschinen – Modell „Dominator“ – zurecht mittelalterliche Ritter assoziiert1, die mit gesenkten Lanzen einem Tournier entgegenfiebern. Leccias Botschaft reicht freilich bis zu den technischen Möglichkeiten des 20. Jahrhunderts, enorme Potentiale an Energie, Beschleunigung, Geschwindigkeit zu erzeugen und freizusetzen. Bei Leccia werden sie abgepuffert, gestaut und damit um so deutlicher zu Bewußtsein gebracht. Es ist, als würde die Dromokratie, die Herrschaft des (Wett-)Laufs, von der Virilio spricht, einen Moment innehalten. Erschöpfung? Kräftesammeln? Ruhe vor dem Sturm?

Für den Geschwindigkeitswissenschaftler Paul Virilio besteht ein struktureller Zusammenhang zwischen der Beschleunigung menschlicher Fortbewegung und den kinetischen Bildern der hochtechnisierten Epoche; das Automobil ist ihm „ein Projektor, ein Projektor, dessen Geschwindigkeit wir mit der Schaltung regeln“2. Ange Leccia hat es nicht als Lichtbildapparat genutzt, wohl aber als Projektionsfläche für die…

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