Ausstellungen: Wien , 1998

Vitus H. Weh

Formalismus

»Roland Goeschl, Heimo Zobernig, Lois Renner«

Österreichische Galerie Belvedere, Wien, 4.12.1997 – 8. 2.1998

Aufregend war schon der coole Schriftzug auf den Ankündigungsmedien (Gestaltung: Martha Stutteregger/Florian Pumhösl nach einem Plakatentwurf von Joseph Binder aus dem Jahre 1929): Das Thema „Formalismus“ versprach plötzlich eine unglaubliche Modernität.

Umgangssprachlich wird der Begriff Formalismus zumeist pejorativ verwendet. Ähnlich wie mit „didaktisch“ im Bereich des Inhaltlichen, verbindet man damit lediglich unangenehme, manierierte Einseitigkeiten. Während „Formalismus“ im Bereich der Wissenschaft für exakte Methoden und für systematische, objektive Verfahrensweisen steht, also für einfache Formeln, die eine Operationalisierbarkeit und Darstellung des jeweils Gegebenen erlauben, bedeutet „formalistisch“, bezogen auf die Kunst, spätestens seit Ende des Historismus eine stagnierende Praxis, die sich in der übertriebenen Berücksichtigung von Äußerlichkeiten verliert. Die Formalismuskritik ging mitunter sogar soweit, Gestaltung generell als „Ablenkung von den wesentlichen Dingen“ zu diffamieren.

Mit dem aktuellen Aufkommen eines starken „literalistischen“ Interesses aber, d.h. der gewachsenen Aufmerksamkeit für Typografie, Grafikdesign, Kleidung, Lebensstile usw., begann sich diese Konnotierung zu verschieben. Während Künstler zögerlich und geradezu pragmatisch – reiner Inhalt und Geist wurde ja lange genug vergeblich gesucht – beginnen, spezifische Formen wieder ernst zu nehmen, befürchten einige sogar schon, daß nun, nach Jahren asketischer inhaltlicher Kunst-Anstrengung, ein Backlash des Spektakelhaften, des „bloß Formalen“ drohen könnte.

Einige jedoch durchaus komplexen Auseinandersetzungen zum Thema „Formalismus“ zeigte nun die von Thomas Trummer zusammengestellte Schau im Wiener Oberen Belvedere. Mit Roland Goeschl, Heimo Zobernig und Lois Renner (formal nach Alter gereiht) war es gleichsam auch ein innerösterreichisches Spitzentreffen: Der erste eine Legende der 70er Jahre, der zweite permanent in den wichtigsten internationalen Ausstellungen vertreten, und der dritte unbestrittener Shooting Star. Daß die drei gezeigten Positionen denkbar unterschiedlich sind, machte das Thema nicht gerade übersichtlicher: Materie oder Form, Form oder Inhalt, Formalismus oder Formalismuskritik – die dialogischen Möglichkeiten explodierten.

Roland Goeschl (Jg. 1932) versteht sich beispielsweise noch als ein Vertreter der traditionellen Moderne, resp. der konkreten Kunst, der sein in Wand- und Raumgestaltungen verwendetes Repertoire streng auf die autonomen Farben Rot, Gelb und Blau beschränkt. An dieser Haltung änderte auch seine Gestaltung von Werbespots für die Schuhhandelskette „Humanic“ nichts, die ihn in Österreich über Nacht berühmt machte. Um 1970 hatten diese surrealen TV-Clips von Goeschl einen Bekanntheitsgrad von 85%, wobei sich die zahlreich verstörten Zuschauer den Kopf darüber zerbrachen, für was die Sprengung einer riesigen Pyramide aus farbigen Styropor-Quadern wohl werben soll, oder was all die verrückten Leute und ein kleiner Alligator in einem Schwimmbecken bedeuten. Hauptdarsteller der diversen Szenenfolgen waren immer seine bunten Kuben. Von heute aus gesehen erscheint es geradezu unglaublich, wie auf diese Weise eine Sprachform moderner Kunst unzensuriert in die massenmediale Verwertung eingebracht wurde; und mit ihrer rasanten und collageartigen Filmsprache haben Goeschls Fernsehspots sogar bereits viele Eigenarten des heutigen Musikvideogenres vorweggenommen. Während die Firma Humanic heute noch ihre Werbelinie mit Rot, Gelb und Blau weiterverfolgt, praktizierte Roland Goeschl seine formalen „Raumschüttungen“ später vor allem mit farbigen Kunst-am-Bau-Skulpturen.

Für Heimo Zobernig (Jg. 1958) bedeutet „Formalismus“ hingegen vornehmlich die stete Analyse der Scheidung zwischen Kunst und Nichtkunst. In seinen Objekten lotet Zobernig die „Kunst“-konstituierenden Bestandteile aus, bis die grammatikalischen „feinen Unterschiede“ unter seinen Händen pervertieren. Seine als „Mängelwesen“ gestalteten Objekte variieren süffisant Marcel Duchamps Ready-Made-Intervention durch längere Versuchsreihen: Durch welchen Gebrauch ist ein Ding aus angemalter Spanplatte einmal ein Möbel, dann ein Sockel und wann eine Skulptur? Oder was ändert sich, wenn ein Bild gemalt, gespachtelt oder gedruckt ist, man den Unterschied aber kaum sieht? Als künstlerisches Thema sind solche Fragen heute durchaus etabliert. Im Unterschied zu Duchamps spielerischen Dada-Gesten oder zu Arthur Dantos langatmigen Theoretisierung besticht Zobernig jedoch durch seine kühle Eleganz. In der Ausstellung war neben einer kleinen Retrospektive, in der Zobernig dieses delikate Gefühl für Design vorführen durfte, vor allem seine Gemeinschaftsarbeit mit Richard Hoeck bemerkenswert: In einer dreißigminütigen, wandfüllenden Videoprojektion wechseln sich monochrome Grüntöne ab (von der Gelb- bis zur Blaugrenze), während als Soundtrack verschiedene Leute versuchen, den Kammerton A zu singen. Auch dies ist als Möglichkeit von Formalismus: aufgrund nie erreichter Perfektion elegisch scheitern.

Von Lois Renner (Jg. 1961) schließlich stammt der Satz: „Mit acht von zehn Fingern muß ich an der Fotografie festhalten, um mit den verbleibenden zwei zu malen“. Formal ist bei ihm vor allem die Apparatur, mit der er seine Bilder herstellt: Sein Auge wohnt gleichsam in einem traditionellen Maleratelier, allerdings im Maßstab 1:10. Wie in einem Puppenhaus arrangiert er darin die Wunder der Bildwerdung, der Entstehen von Aura und ihres ständigen Vergehens. Wieder und wieder stattet er diese Distanzwelt aus: mit Miniatur-Maschinen, Gestänge, Durchblicken, Abgründen usw. Nach der getanen „Arbeit am Modell“ entstehen von der Guckkastenbühne Ektachrome, die sich für Ausstellungen in gewünschter Größe printen lassen. Auf diesen Cibachromes webt sich dann das wilde Geflecht von Gegenständen und Unschärfen, von zu Großem und zu Kleinem, von Vorder- und Hintergründen, von Gemaltem und Gebautem zum flachen Bild, auf denen sich ein betrachtender Blick nirgends lange halten kann, weil daneben schon der nächste erregende Farb- und Dingpunkt lauert.

Renners Position wäre zwar wahrscheinlich in einer Ausstellung mit dem Titel „Formforschung“ passender plaziert gewesen; im Kontext von „Formalismus“ jedoch signalisierte solch ein Schlußpunkt zumindestens ansatzweise, wie weit sich die Facetten des Formalen heute tatsächlich spannen.