Ausstellungen: München , 2006

Heinz Schütz

Franka Kaßner

»Deutschlandromantik«

Lothringer 13 – Städtische Kunsthalle München, 9.6.2006 0.9.2006

Seit zu Beginn dieses Jahres Uli Aigner die Leitung der „Lothringer Straße 13“ übernommen hat, verfügt München plötzlich und unerwartet über eine eigene Kunsthalle: Mit einem nominalistischen Coup erklärte Aigner die „Künstlerwerkstatt Lothringer Straße 13“ zur „Lothringer 13 – Städtische Kunsthalle München“. Am alten Namen haftete die auf Experiment und unvermittelte Autorenschaft zielende Programmatik der siebziger Jahre. Das dezidiert Experimentelle hatte sich bereits in den Achtzigern, als die Lothringer Straße eingerichtet wurde, weitgehend erschöpft und auktoriale Unmittelbarkeit wurde zunehmend durch kuratorische Vermittlung überlagert – seit 1998 leiten Kuratoren die „Künstlerwerkstatt“. Mit Uli Aigner ist nun der seltene Fall eingetreten, dass die Betreuung einer offiziellen Kunstinstitution an eine Künstlerin überantwortet wird.

Entsprechend ihrer nominalistischen Aufwertung der Institution, behandelt Aigner die ehemaligen Fabrikräumen keineswegs nur als ein Verlegenheitsmuseum. Die ersten, von ihr initiierten Ausstellungen akzeptieren die bestehende Architektur als unzulänglichen White-Cube, sie lassen Leere zu und schaffen damit kommunikativen Raum für die Besucher. Der Schwerpunkt von Aigners Programm liegt auf der Kunst junger KünstlerInnen insbesondere, aber keineswegs ausschließlich, aus dem Münchner Umfeld. Ihnen vertraut sie erste große Einzelausstellungen an, die nicht zuletzt aufgrund von 600 Quadratmetern Ausstellungsfläche zur ernsthaften Herausforderung werden.

Dieser Herausforderung wird gegenwärtig Franka Kaßner – im vergangenen Jahr beendete sie ihr Studium an der Münchner Akademie – mehr als gerecht: Es gibt in der Geschichte der Lothringer Straße wohl kaum eine Ausstellung, die gleichermaßen souverän und präzise mit den räumlichen Gegebenheiten arbeitet. Kaßner überlagert den Ort mit seinen an die ehemalige Werkzeugfabrik erinnernden Spuren mit der Erinnerung an den untergegangen deutschen Staat, der das Wohl der Arbeiterschaft als Ideologie vor sich hertrug. So betrachtet handelt es sich um eine Art von doppelter Ruinenausstellung, wobei der Ruine hier in romantischer Tradition ein, jenseits rational konstatierbarer Zerstörung, emotionales Sediment eingelagert ist.

Unter dem Titel „Deutschlandromantik“ befasst sich die 1976 im ostdeutschen Oschatz geborene Künstlerin mit der DDR und ihrer Kindheit. Zwangsläufig blendet der Blick in die Vergangenheit gegenwärtige Fragen aus nach softem WM-Nationalismus und Militarisierung, nach der Stellung des Nationalen im konsumistischen, mediatisierten und terror-hysterisierten Globalismus. Fragen ließe sich, ob Deutschland als Bezugsrahmen nicht zwangsläufig die Hypostasierung des Nationalen nach sich zieht. Doch unabhängig davon: Kaßners Rückblick produziert ein Spannungsfeld zwischen äußerer Macht und persönlicher Innenwelt, das sich auch mit aktuellen Parametern besetzen lässt. Beachtenswert ist, dass sie nicht dem kursierenden „wie-komisch-bis-heimelig-erscheint-nun-doch-die-DDR“ verfällt, dass sie sich – ganz im Gegensatz etwa zum markttechnischen Einsatz des Labels „Leipziger Maler“ – der Vergangenheit sentimental und kritisch, persönlich und politisch stellt.

Wer den Hauptraum der Ausstellung betritt, hat den Eindruck Kaßners ausladende Installation sei schon immer hier gewesen und reiche inzwischen zwecklos aus der Vergangenheit herüber in die Gegenwart. Eine Balustrade aus imitierter Eiche und mit dem Charme deutsch-rustikaler Kellerbars grenzt einen nicht betretbaren Bezirk ab, eine Art Bühne für politische Propagandisten, eine Art Chorraum für die Choreuten der Macht und absolutistische Selbstdarsteller. Die Wand im Hintergrund dekoriert eine Strahlenkranzdraperie nach dem Muster „aufgehende Sonne“. Die Trägerstele im Zentrum ist ihrer Insignien beraubt und ragt, wie die gesamte Installation, als rhetorische Hohlform in die Höhe. Ab und zu erklingt ein Lied: Kaßner singt mit kindlicher Stimme „Wenn Mutti früh zu Arbeit geht“, eines der populärsten Kinderlieder der DDR. Einige Liedzeilen veränderte sie, so dass nun das, was ihr einmal kindliche Heimat war, in seiner fatalen Verschränkung von Naivität und Politik auch als Propaganda lesbar wird.

Im Keller der Lothringer Straße, unter der offiziellen Bühne, ruht und robbt in der Videoinstallation „revosau schläft“ eine subversive Gestalt in endloser Wiederholung durch den Untergrund. In der einstigen Meisterkabine richtete Kaßner das „Freizeitheim eines Diktators“ ein: Ein eichener Lehnstuhl ohne Rückenpolster changiert zwischen Wohnmöbel und elektrischem Stuhl, zwischen Bequemlichkeit und Brutalität. Auf der Armlehne platzierte Kaßner eine mit Blümchenmuster zart dekoriertes Lederfaustfutteral, eine orthopädische Stütze, mit deren Hilfe, der sozialistische Gruß auch in der Freizeit dauerhaft dem widerständigen Körper eingeformt werden kann.

Als Körperfragment und sozialistisches Relikt ähnelt die Faust einer Ruine. Die Ruine steht denn auch im thematischen Zentrum der Installationsbox „Deutschlandromantik I“. Auf einer Tapete geht der von Caspar David Friedrich gemalte Kreidefelsen auf Rügen über in das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Flagge – davor ein kollabiertes Baugerüst. Dem leeren Redner- und Karaokepult vor Bundesadler mit Hammerkopf steht im Video die Körperrealität eines einst in der DDR beheimateten Bürgers gegenüber. Im Hintergrund spielt das zum Rauschen verkommene „Stempellied (Lied der Arbeitslosen)“. Die Installationsbox ist romantisch: Ort der Herrschaft und der Beherrschten, Ort zerstörter Hoffnung.

von Heinz Schütz

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