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Ausstellungen: Bern · S. 315 - 316
Ausstellungen: Bern , 1988

Christoph Doswald
Franz West- Vaclav Pozarek

Kunsthalle, 15.1.-28. 2. 1988

Bis Ende Februar präsentiert die Berner Kunsthalle gleichzeitig zwei Bildhauerausstellungen. Während FRANZ WEST die Räume des Erdgeschosses mit seinen Visionen des Realmorbiden besetzt, steht dem konstruktivistischen Barock zelebrierenden Exiltschechen das Untergeschoß zur Verfügung.

Nach diversen fragmentartigen Auftritten im Ausland (Westkunst, Skulpturprojekt Münster etc.) wird das Werk von Franz West in der Berner Ausstellung erstmals integral der Öffentlichkeit vorgestellt. Die ‚Paßstücke‘ aus den 70er Jahren und Papiermache-Skulpturen aus neuester Zeit bilden den zeitlich-formalen Rahmen des gezeigten Überblickes.

Wie zur Lagerung liegen sie da, die Paßstücke, auf dem Podest aufgereiht und mit einem von einer dünnen Schnur gehaltenen Papierschildchen markiert, welches auf die Person des Besitzers verweist. – Franz Wests ‚Paßstücke‘ sind die visualisierte Crux der Menschheit, sind all die kleinen alltäglichen Neurosen. »Ich behaupte, daß es so aussehen würde, wenn man Neurosen sehen könnte … der Mensch ist ein Prothesengott« (West 1985). Mit seinen Paßstücken beschreibt West einen zirkulären Prozeß; einerseits sind sie Aus- und Abdruck des verschiedenartigen und absurdesten menschlichen Verhaltens, andererseits gewinnen sie erst im Gebrauch – für den West sie explizit geschaffen hat – eine hintersinnig aktionistische Dynamik. An den Körper des potentiellen Benutzers angelegt, beginnen die Paßstücke Einfluß auf Haltung, Gestik und Motorik zu nehmen. Einer Zwangsjacke ähnlich determinieren die klinisch weißen, aus Polyester und Holz gefertigten Objekte in hohem Maße das körperliche und letztlich auch geistige Befinden ihres Trägers. – Der Mensch wird zum Vehikel der Neurose.

Erst in letzter Instanz, durch ihre museale Präsentation, verweisen die Paßstücke auf die ihnen…


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