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Magazin: Kulturpolitik · von Ingo Arend · S. 477 - 477
Magazin: Kulturpolitik , 1993

Ingo Arend
Friede den Hütten, Krieg den Palästen

Zur Zukunft des »Palastes der Republik«

Wenigstens das Schloßgespenst ist gebannt! Diesen Stoßseufzer wird man nach der Entscheidung des Bonn-Berliner Hauptstadtplanungsausschusses zur künftigen Bebauung der Berliner Spreeinsel ausstoßen dürfen. Die Chancen einer Berliner Bürgerinitiative, der dritten deutschen Republik mittels einer riesigen Fototapete den alten Hohenzollernbau als Identitätsanker zuzuwerfen, sinken gegen Null.

Doch statt der revisionistischen Erinnerungsfraktion greifen jetzt die Verfassungsorgane nach der Republikmitte. Zwar ist der monumentale Diskurs der Herrschenden mit ihrem historischen Drang zu Riesenbauten als Sammlungszeichen politischer Identität nach dem unguten Vorspiel aus selektiver Erinnerung und gigantomanischer Planung aus deutscher Großmannssucht vorerst offenbar abgewendet. Der beschlossene Neubau des Auswärtigen Amtes soll nicht, wie weiland der Turmbau zu Babel, in den Himmel ragen, das Amt soll sich auf zwei Gebäude verteilen.

Schwerer wiegt die Tatsache, daß der verwaiste Koloß mit dem schönen proletarischen Namen „Palast der Republik“, jene häßliche, bronzebedampfte Identitätsplombe, mit dem schon die SED die unliebsame Hohenzollerngeschichte verdrängen wollte, jetzt zugunsten des Außenamtsbaus der nunmehr gesamtdeutsch geschichtsbewältigenden Abrißbirne zum Opfer fallen soll.

Obwohl steingewordener Machtanspruch des alten Systems, bemächtigten sich die ehemaligen DDR-Bürger des Republikpalasts in Kultur und Freizeit. Ein bewahrenswertes Stück DDR-Alltags- und Demokratiegeschichte und nicht nur „Demokratie pervers“, wie Berlins CDU-Kultursprecher Lehmann-Brauns suggerieren will. Obsiegt hat zum Schluß das fachgutachterliche Abrißargument der Asbestverseuchung. Wie objektiv solche Fachgutachten sind, hat der Fall des alten Bonner Bundestagsgebäudes gezeigt, das dem Glasneubau des Gutachters weichen mußte. Doch hinter dem Asbest verschanzte sich immer das Motiv der Geschichtsentsorgung.

Man muß solche Baugeschichte nicht wie einen Mühlstein um…


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