Titel: Aktuelles Denken , 1990

Gerhard Johann Lischka

Friedrich Kittler

G.J.L.: Wenn ich dich richtig verstehe aus den beiden wichtigen Büchern, die du bisher veröffentlicht hast, geht es dir primär um Aufschreibe- und Einschreibesysteme. Wo kommt das her, daß du nicht so sehr nach Inhalten fragst, sondern eigentlich das Medium als Medium untersuchen willst?

F.K.: Ich denke, ganz biographisch gesehen, es war zunächst ein Versuch, bei Foucault weiterzumachen, an genau der Stelle, wo er aufgehört hat. Weil bei ihm ja immer die Archive die letzte reelle Basis waren und mich die Frage quälte, ob die Archive nicht spätestens seit 1870 sich generalisiert haben. Man kann seither nicht mehr davon ausgehen, daß sich alles in Alltagssprache, in Alltagsbuch und Bibliothek einschreibt, sondern es gibt auch andere Medien, und Bücher müssen gegen andere Medien differentialdiagnostisch abgesetzt werden. Deshalb kein Interesse an Inhalten, wie du sagst, sondern Interesse an den Medien und Technologien selbst. Und ganz hinten im Schatten winkt, glaube ich, der Mann, der in meinem ersten Semester immer nah über die Freiburger Unikorridore schlurfte, nämlich Heidegger, mit seiner Frage nach der Technik; als Antwort auf die Tradition.

Du unterscheidest klar 1800 von 1900. Könntest du die hauptsächlichen Unterschiede charakterisieren, wie die aussehen?

Ich habe einfach zwei Momentaufnahmen gemacht, und zwar sind das nicht die einzig denkbaren, aber ein Germanist weiß nichts wesentlich anderes. Der Unterschied ist schlicht, wie funktioniert ein literarisches System in einem Land, wo tendenziell alle bessergestellten Leute und Bürger inzwischen lesen können (um 1800 herum), und was heißt dann, daß das Buch das einzige Medium ist, das für…

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