Ausstellungen: Hamburg · S. 352
Ausstellungen: Hamburg , 1984

Für Alles einen Zettel

Anna-Oppermann-Retrospektive im Hamburger Kunstverein

Ihre Kunst reizt zu Vergleichen: Mal finder jemand „Zettels Traum“ in ihren Ensembles visualisiert, mal den Inbegriff einer Zettelwirtschaft stilisiert. Sie selbst mag Ähnlichkeiten mit Intellektuellen-Schreibtischen, unaufgeräumten Kinderzimmern, mit Büffets und Kaminsimsen, jenen kleinbürgerlichen Altären des Verwandtenkults und der Nippeskultur, nicht ausschließen. Das Sakrale hat man in ihren scheinbar chaotischen Kompositionen ebenso erkannt wie man sie Gesamtkunstwerke im Kleinen genannt hat; von künstlerischen Mikrokosmen war schon die Rede, und sogar auf die innere Verwandtschaft mit dem komplizierten Aufbau sprachlicher Strukturen wurde bereits hingewiesen. In reicher Fülle stimulieren und provozieren ihre Wort-Bild-Ecken Assoziationen: an Mausoleen der eigenen Erinnerungen, die dort kreisen und kreißen, denn sie befruchten sich immer wieder selbst; an wie Flohmarktstände inszenierte Archive, an die Räume von Großmüttern, die sammeln und bewahren und hie da das heilige Arrangement durch das Photo eines Enkels ergänzen. Und sie sind Metapher für die Schwierigkeit, die Facetten der Wahrnehmung in der Flut der Informationen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen – Kunst nach dem ,,Tagesschau“-Prinzip: eben noch ein ehemaliger Kino-Cowboy auf der chinesischen Mauer, jetzt schon die Oben-Ohne-Revue im neueröffneten Friedrichstadtpalast, gleich danach die Lottozahlen. „Komplexität muß ja irgendwo in dieser Welt noch einen Stellenwert haben“, sagt Anna Oppermann in einem Gespräch mit Margarethe Jochimsen.

Komplexität ist das erste und augenfälligste Kennzeichen ihrer Ensembles. Und ihr prozeßhaftes Arbeiten, das Reproduzieren, Anbauen und Wiedereinbauen; ihr Prinzip, eigene und fremde Reaktionen in das Ensemble zu integrieren, bringt es mit sich, daß die Komplexität ihrer Arbeiten kein fester, einmal erreichter Zustand…

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