Titel: Kunst und Literatur I , 1997

Michael Hübl

Gemischtes und ungemischtes Doppel

Maler und Literaten zwischen den Künsten

1.

Das Buch der Bücher: 1885 malt Vincent van Gogh die Bibel. In leichter Untersicht ist die heilige Schrift dargestellt, so daß der Band breit, beinahe monumental wirkt. Zwei Leuchter, in denen kalte Kerzenstummel stecken, stehen neben dem aufgeschlagenen Folianten. Vor ihm liegt – abgegriffen, zerfleddert – ein Roman von Emile Zola. Der Titel „La joie de vivre“ kontrastiert mit den fünf Buchstaben ISAIE, die eine Seite des Alten Testaments markieren: Jesaja gilt als „einer der ersten weltgeschichtlich singulären Unheilspropheten“1. Außer dem Namen des Propheten ist nichts zu lesen. Die Schrift bleibt verborgen im Dunkel einer zügig aufgetragenen, durchweg horizontal und vertikal strukturierten Malerei.

2.

Ausgerechnet ein Satz aus der Bibel sollte im Licht der Aufklärung neue, fortschrittliche Bedeutung erlangen. „Am Anfang war das Wort“2, lautet die gängige deutsche Fassung jener Glaubenstatsache, mit der das Johannes-Evangelium einsetzt. Spätestens seit Goethes „Faust“ und den dort geschilderten Versuchen, den Ursprung allen Seins sprachlich zu fassen3, nimmt die Feststellung, daß dem Logos des griechischen Urtexts nicht ohne weiteres beizukommen ist, den zweifelhaften Rang eines Gemeinplatzes ein. Stand am Anfang wirklich nur ein Wort? Oder eine Rede, eine Art göttlicher Monolog, der vorneweg umreißt, was da einmal alles der Fall sein soll? Oder beginnt die Welt mit der abstrakten Größe der Vernunft? Ist sie es, die der Logos des Evangelisten meint? Wie auch immer die Übersetzung ausfällt, unabhängig auch von allen theologischen und philosophischen Implikationen steht fest: Der Logos war ein Dreh- und Angelpunkt des Aufbruchs in die…

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von Michael Hübl

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