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Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht · von Judith Elisabeth Weiss · S. 30 - 31
Titel: Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht , 2012

Gesicht im Porträt / Porträt ohne Gesicht

Herausgegeben von Judith Elisabeth Weiss

Das Thema Gesicht hat Konjunktur: Gesichtsscans anstelle von Eintrittskarten, Gesichtschirurgie als Verwandlungsinstrument des Individuums, facebook als virtueller Sammelplatz von Gesichtern, facial features als Auswahlkatalog in Samenspenderdatenbanken, FacialAction Coding System als Instrumentarium der Psychologie zur Kodierung von Gesichtsausdrücken und der Vorschlag einer fazialen Wende in den Wissenschaften sind nur wenige von vielen Phänomenen, die die Gesichtsthematik derzeit in den Blick rücken. Darüber hinaus haben zahlreiche Ausstellungen zum Porträt und Anti-Porträt in den letzten Jahren die stets neue Bilderflut und Auseinandersetzung mit medialen, politischen und künstlerischen Gesichtern in einer „facialen Gesellschaft“ vor Augen geführt.1 Das mehrjährige Forschungsprojekt „Das Gesicht als Artefakt in Kunst und Wissenschaft“ des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin, das im Rückgriff auf Materialien aus Philosophie und Kunst, Literatur und Wissenschaft die für die Beschäftigung mit dem Gesicht symptomatischen kulturhistorischen Bruchlinien untersucht, ist Impulsgeber zu dieser Ausgabe des KUNSTFORUM.2 Das Projekt fokussiert Antlitzdarstellungen mit ihren Ordnungen der Formierung und Überdeterminierung und nimmt darüber hinaus Formen des Gesicht(et)-Werdens in den Blick, die Gesichtlichkeit geradezu vermeiden und aussparen. Die aktuelle Publikation Gesichter. Kulturgeschichtliche Szenen aus der Arbeit am Bildnis des Menschen (Hg. Sigrid Weigel, München 2012) untersucht das Gesicht als ein Bedeutungsfeld, auf dem die Spannung der menschlichen Gestalt zwischen Kreatürlichkeit und Gottähnlichkeit, Erhabenheit und Infamie, Starre und Bewegung ausgetragen wird.

Hat das Gesicht in der Kunstgeschichte sein Medium im Porträt und Selbstporträt gefunden, so wurden beide Gattungen bislang mit Konzepten der Zeitzeugenschaft (KUNSTFORUM Band 6, 1973), der Repräsentation (KUNSTFORUM Band 14, 1975), der Milieustudie (KUNSTFORUM Band 52, 1982) und der qualitativen Inszenierung (KUNSTFORUM Band 181, 2006) in Verbindung gebracht. Das Porträt als Ausdrucksträger menschlicher Individualität im klassischen Sinne ist wie seine abstrakten Varianten der Verallgemeinerung nach wie vor virulent und offenbart sich als Grundkonstante der Bildenden Kunst. Dass sich das Gesicht allerdings neue Formen seiner Darstellung sucht, zeigt sich in den zahlreichen Beispielen aktueller Kunst, in denen partikulare Gesichtsschnitte, virtuelle und künstliche Gesichter und schließlich Porträts ohne Antlitz produziert werden. Damit müssen alleine die Begrifflichkeiten Antlitz, Gesicht, Visage, Konterfei und Facies einer Revision unterzogen werden. Mit diesem Band Gesicht im Porträt/Porträt ohne Gesicht erweitert das KUNSTFORUM die Bildniskunst mit ihren geistesgeschichtlichen Implikationen von Mimesis, Präsenz und Referentialität um eine neue Form der Gesichtskunst, die genau diese Implikationen hinterfragt. Stattdessen treten mit Blick auf die Thematik Begriffe wie Impersonifizierung, Manipulation und Zitation auf den Plan. Mit der Bestandsaufnahme aktueller Gesichter in Malerei, Zeichnung, Videokunst und Fotografie wird deutlich, dass das Porträt und Selbstporträt höchst fragile Kategorien geworden sind. In seiner Extremform zeichnet sich das Gesicht durch seine Abwesenheit aus mit der grundlegenden Frage: Wo ist der Mensch? Wo ist der Künstler?

ANMERKUNGEN
1 Zur facialen Gesellschaft siehe Gerburg Treusch-Dieter/Thomas Macho (Hrsg.): Medium Gesicht. Die faciale Gesellschaft. Ästhetik & Kommunikation 25/94+95, 1996, Berlin.
2 siehe http://www.zfl-berlin.org/gesicht-als-artefakt.html.

von Judith Elisabeth Weiss

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