Ausstellungen: Berlin , 2011

Ingo Arend

Grafik des Kapitalistischen Realismus

Edition Block, Berlin, 5.3. – 30.7.2011

Als der zurückgetretene Verteidigungsminister zu Guttenberg kürzlich im Berliner Bendler-Block mit dem Großen Zapfenstreich geehrt wurde, schollen ungewohnte Klänge über den Exerzierplatz. Das Stabs-Orchester der Bundeswehr intonierte mit dem Hardrock-Song „Smoke on the water“ der Gruppe Deep Purple einen Klassiker des Pop aus dem Jahr 1972. Ob die Künstler Konrad Lueg, Gerhard Richter und Sigmar Polke dieser Kunstrichtung heute wieder eine Aktion widmen würden wie zu Beginn der sechziger Jahre, wenn sie damals gewusst hätten, wer sich heute so alles für diese Empfehlung erwärmen würde? „Kapitalistischer Realismus“ nannten sie im Oktober 1963 ein legendäres Happening im Düsseldorfer Möbelhaus Berges. Damit wollten sie sich vom „Sozialistischen Realismus“ abgrenzen. Irgendwie konnte man aus der Performance zwischen Nierentischen, Fernsehgeräten und Kleidern von Joseph Beuys aber auch eine ironische Distanzierung von der Konsumkultur des Kapitalismus herauslesen. Doch immerhin warben sie damals für ein „Leben mit Pop“. Freiherr zu Guttenberg hat sie, wie es scheint, ernst genommen.

Die periodisch immer wieder heiß umstrittene Frage, ob der „Kapitalistische Realismus“ nun eine Methode der künstlerischen Gesellschaftskritik war oder nicht, lässt sich auch in René Blocks Ausstellung mit Druckgrafiken aus dieser Zeit und der an der Aktion beteiligten Künstler nicht endgültig klären. Es finden sich darin ebenso viel Belege für die These wie gegen sie. Wolf Vostells Siebdruck „Lippenstiftbomber“ aus dem Jahr 1968, auf dem aus dem Foto eines amerikanischen Kampfflugzeugs Lippenstifte wie Bomben fallen, lässt sich nur schwer anders lesen, denn als kongeniale Kritik des Vietnam-Krieges. Und auch KP…

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