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Ausstellungen: Berlin · S. 365 - 365
Ausstellungen: Berlin , 1990

Thomas Wulffen
Group Material: Democracy Poll

Kunstprojekt im Stadtraum, NGBK, Berlin, 26.6. – 5.7.1990

Wenn der Museumsbesuch zum Ersatzgottesdienst wird, das Kunst- werk zur Devotionalie und der Kunstfreund zum Kulturtouristen, muß über Wirkungsweisen und Darstellungsmöglichkeiten der zeitgenössischen Kunst nachgedacht werden. Wer Kunst auf den Altar stellt, kann nicht hoffen, daß sie einer saturierten Gesellschaft noch Konfliktpotential bietet. Kunst ist in der postkapitalistischen Gesellschaft zu einem weiteren, angenehmen Befriedungsinstrument geworden. Wer ihr noch Widerspruchsgeist und Utopiegehalt zuspricht, verkennt die Erwartungsstrategie des Publikums an das Kunstwerk. Schon allein das Label ‚Kunst‘ sorgt für das Auskommen dickbäuchigen Kulturmanagements. Inhalte stehen nicht zur Diskussion, weil eine Elite sich schon darüber einig geworden ist. Das alltägliche Publikum ist nur noch Erfüllungs-gehilfe eines Auftrags, der die Sicherung des eigenen Bestandes sieht und Management mit Kunst verwechselt.

Die Künstler selber reagieren auf diese Situation entweder mit blankem Zynismus oder subversiver Verweigerung. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, weil der Kulturapparat stärker ist als jedes Bemühen um ‚Kunst‘, die diesen Namen noch verdient. (Die Spitze des Eisbergs: Die alten SED-Chargen in der ehemaligen DDR werden auch weiterhin die Kulturpolitik im neuen, anderen Teil Deutschlands bestimmen.) ‚Kunst‘ muß sich dem Label Kunst verweigern, um noch Kunst zu sein. Geeignetes Spielfeld solcher Verweigerung ist der öffentliche Raum, in dem sich Kunst unabhängig von dem sie bestimmenden Kontext, Museum, Galerie, noch entfalten kann. Die Inflation von Projekten der ‚Kunst im öffentlichen Raum‘ trägt allerdings dazu bei, auch dieses Spielfeld so zu verändern, daß Widerstandspotentiale aufgebraucht werden. (Jüngstes Beispiel: ‚Die Endlichkeit der Freiheit‘ als siebzigprozentiges Name-Dropping…


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