Ausstellungen: Stuttgart · von Martin Blättner · S. 356
Ausstellungen: Stuttgart , 1999

Martin Blättner

Gudrun Partyka

»In sich geschlossen – 100 und 1 Portrait«

Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung,

29.6. – 10.10.1999

Das Nachspiel des künstlerischen Frühwerks einer Zweiundzwanzigjährigen findet im Kabinett der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart statt. 1978 setzte sich Gudrun Partyka mindestens einhundertmal einer intensiven Selbstbefragung vor dem Spiegel aus, um das Ungreifbare einer inneren Struktur im äußeren Bildnis sichtbar zu machen. Über zwei Jahrzehnte später wird diese Bilanz einer Studienfolge als Wandfries schlicht gerahmter Blätter präsentiert. Exakt einhundert Selbstportraits sind aneinandergereiht. Ein Passbildchen, das in der Mitte der Kammer in einer Vitrine ausgestellt ist, bildet den Mittel- und Ausgangspunkt einer Inszenierung, die ohne große Effekte auskommt. Die Konzeption dieser Bestandsaufnahme liegt offen zu Tage: Vorgeführt werden soll die „Systematik eines wissenschaftlichen Selbstversuchs“, das künstlerische Ringen um die ungeschminkte Wahrheit einer Selbstfindung, die sich auf das Wesentliche beschränkt, aber eine physiognomische Präzision verlangt. Darüber hinausweisende Fragen, inwieweit etwa heute ein postmoderner Künstler am Ende dieses Jahrhunderts und am verdrängten Abgrund seiner Selbst- und Weltzweifel im Blitzlichtgewitter der neuen Medien noch auf die schlichte „Waffe“ seiner Handzeichnung vertraut, müssen hier insofern nicht gestellt werden, da es sich um eine Rückschau der Künstlerin handelt, die mit Selbstbildnissen eben seit dieser Serie abgeschlossen hat. Gleichwohl steht die Methode auf dem Prüfstand, ob die ganz subjektive, fast zufällige Wahrnehmung des eigenen Selbst weiterhin als ernstzunehmender Weg einer künstlerischen Identitätssuche einzuschätzen ist. Hat tatsächlich die graphische Qualität fortan oberste Priorität im Ringen um das eigene Ich? Gelten etwa Handschrift, Virtuosität oder Tagesform der Zeichnerin noch immer mehr als Kalkül, Konzeption oder künstlerische Strategie? Oder welcher Bedeutung kommt aus der Rückschau die situative Fixierung zu, wenn sie inzwischen eine historische ist? Weder ist sicher, ob die Handzeichnung auch zukünftig Gradmesser des künstlerischen Werdegangs bleibt, noch steht fest, ob auch weiterhin die Entwicklung des Zeichenprozesses eine Schlüsselrolle spielen wird. Doch was lässt sich konkret an dieser Serie ablesen? Bei den täglichen Niederschriften des eigenen Konterfeis ändert sich kaum die frontale En-face-Haltung. Nur gelegentlich ist eine kaum merkliche Wendung des Kopfes zu bemerken. Eher lassen sich Entwicklungen und Brüche vom tastenden Umkreisen der Konturen zu einer mehr bestimmenden Art der klaren Umriss-Zeichnung behaupten. Die dezent gestischen Striche steigern sich gelegentlich bis zur kalligraphischen Stilisierung oder gar zur Ornamentalisierung des Gesichts mit festen Zügen. Eine plakative Stilisierung findet dennoch nicht statt, eher wieder die informelle Auflösung. Die Techniken der farbigen Tusche-, der Buntstift- und der Bleistiftzeichnungen verweisen auf eine unterschiedliche Sprache, der Gesichtsausdruck enthüllt seherisch die Vergangenheit und Zukunft einer Persönlichkeit, deren Identität in hundert einzelne Bilder zerfällt. Eine kontinuierliche Entwicklungslinie kann offenbar nicht als das Kriterium festgemacht werden, wohl aber der Versuch, eine zeichenhafte Formel für die Charakteristik des eigenen Wesens zu finden.

Der Katalog kostet 42 DM.

von Martin Blättner

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