Titel: Inszenierte Fotografie I · S. 112
Titel: Inszenierte Fotografie I , 1986

Hanna D.

Weil sie meistens nachts spielen, hat man für die Filme die Bezeichnung ‚Film noir‘ geprägt. Im ‚Film noir‘ spiegelt sich sowohl eine künstlerische als auch eine existenzielle Haltung. Nicht nur die Szene ist dunkel, die Charaktere sind es auch. Sie scheuen das Tageslicht, selbst wenn sie nichts zu verbergen haben, sie scheuen es, weil sie sich verbergen wollen. In Hanna D.’s ’schwarzen‘ Fotografien gewinnt die Welt des ‚Film noir‘ neue Konturen. Die Filme der ‚Schwarzen Serie‘ liefern das Vokabular, um eigene Erfahrungen im Umgang mit der Wirklichkeit künstlerisch mitzuteilen. Sie liefern das Vokabular und die Stimmung. Im strengen Duktus des Dokumentarischen – wie bei Weegee fängt die Kamera ein, was ihr vorgesetzt wird, nur mit dem Unterschied, daß hier die Autorin ‚vorsetzt‘ – entpuppt sich die Wirklichkeit als ein realisiertes ‚Szenario‘ akuter Bedrohung. Nie war Hollywood fiktiver als in den Werken des ‚Film noir‘; und nie ‚realistischer‘. Hanna D. komprimiert in ihren Fotografien die Atmosphäre latenten Grauens der Filme der ‚Schwarzen Serie‘ und münzt deren stilistische Standards zu ausdrucksstarken Bildformen persönlicher Betroffenheit um. In der Welt der Fiktionen findet sie die künstlerischen Mittel, die Wirklichkeit fotografisch zu reflektieren. Im Paroxysmus der Formen offenbaren sich die Krankheitssymptome der Umwelt und die Beschädigungen der Psyche.

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