Monografie , 1976

Jürgen Morschel

Hetum Gruber

Es ist wohl ein zentraler Aspekt der neueren Kunst, daß sie in ihren gewichtigsten Äußerungen die Widerspiegelung der Wirklichkeit nicht mehr in der Überhöhung des Partikularen zum Besonderen, sondern in der Reduktion auf das Elementare zu leisten versucht. Der Zusammenhang des Einzelnen, seine Welthaltigkeit, scheint sich gültig nicht mehr im Einfließen in den ‚großen Augenblick‘, sondern nur noch in der Gemeinsamkeit des Urgrundes, aus dem es entsteht, evident machen zu lassen. Für die Kunst war das der Weg zur einfachen konkreten Form und Ordnung, der Besinnung auf die elementaren Tatsachen von Material, Idee und Tun. Es konnte nicht ausbleiben, daß dieses Reduzieren gelegentlich in ein bis in die Bereiche des Religiösen führendes Abweisen von diesseitiger Wirklichkeit überhaupt mündete: nicht von ungefähr stellen sich heute vor Realisationen gerade der als progressiv geltenden Richtungen immer wieder Begriffe wie etwa der der Meditation ein; auf den gelegentlichen Charakter des Happenings als pseudoreligiöse Opferhandlung wurde wiederholt hingewiesen. Und als ‚aufgeschlossen‘ kann auch der einigermaßen kundige Betrachter heute zuweilen nur gelten als einer jener seligen, die nicht sehen und doch glauben – dort nämlich, wo das ästhetische Gebilde nicht mehr als Objektivationsform von Diesseitigem verstehbar ist, sondern nur noch, blind machend für reale Zusammenhänge, Anlaß zur mystischen Versenkung werden kann. Wahre Fortschrittlichkeit und Reaktion müßten an dieser quer durch die Richtungen laufenden Grenze zu trennen sein.

In dieser Situation der Gefährdung des Ästhetischen durch ein erneutes Eindringen religiöser oder auch pseudoreligiöser Inhaltlichkeit muß ein Künstler auffallen, der unzweifelhaft an der Kontrollierbarkeit des Elementaren festhält…

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von Jürgen Morschel

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