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Essay · von Gabriele Honnef-Harling · S. 181
Essay , 1979

Gabriele Honnef-Harling
Holocaust

oder die Herausforderung der kommerziellen Kunst

Der Film “Holocaust” – das war die späte Herausforderung an eine Nation und an ihre Fähigkeit zu trauern. “Holocaust” – das war eine Herausforderung, die angenommen worden ist von einem Massenpublikum, das sich, sehr zum Erstaunen der Kritik, in ein Minderheitenprogramm einschaltete. Denn so viele Jahre nach dem unvorstellbar Unmenschlichen der Judenvernichtung im Nazi-Deutschland war dieses Unvorstellbare, dieses allzu Abstraktgewordene, nun vorstellbar, anschaulich konkret geworden: Betroffenheit war die Folge.

Diese Betroffenheit vermochten nicht alle zu teilen. Da waren die ewig Unbelehrbaren, die zur Trauer unfähigen, und da waren viele Kritiker, auch sie unfähig zur Trauer, erschien ihnen doch zu banal, zu trivial, zu abgeschmackt, was da Betroffenheit wecken wollte, nämlich ein kommerzielles Serienprodukt hollywoodsche” Prägung. Ästhetische Vorbehalte bestimmten die Diskussion, hatte doch der Film schöngeistige Standards verletzt. Doch nach der Ausstrahlung sahen sich die selbsternannten Beckmesser unversehens ins Abseits gestellt durch den Erfolg eines Films, den sie so gerne ins ästhetische Aus manövriert hätten. Die Betroffenheit eines 20Millionen Publikums war allen Verrissen zum Trotz nicht zu ignorieren. Da mußten sich die allzu Kritischen vom Publikum belehren und wohl auch beschämen lassen, denn angesichts eines solchen Themas gerieten die intellektuellen Angriffe zu peinlichen Ergüssen.

Dem vielgeschmähten, da kommerziellen Serienprodukt, gelang eine emotionale Herausforderung und Wirkung, die kunstvoll spröden Aufklärungsfilmen nie gelungen ist und nie gelingen wird. Jüngster Beweis dafür war der zwar anspruchsvolle doch unendlich langweilige Film “Ein deutsches Leben” über den Auschwitz Kommandanten Höß. Und es ist gerade die kommerzielle Auffassung von Kunst, die “Holocaust”…


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von Gabriele Honnef-Harling

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