Magazin: Publikationen , 1995

Illusionen, Illusionen

Walter Grasskamps Abrechnung mit der Protestkultur

Sympathy for the devil. Sympathy for the golf. Nach der VW-, pardon Rolling-Stones-Tournee in diesem Sommer wird man der Kernthese des neuesten Buches von Walter Grasskamp wohl zähneknirschend zustimmen müssen. Zum vielleicht letzten Mal manifestierte sich mit dem grandiosen Weltsiegeszug der „Glimmer Twins“ das, was Grasskamp die „Kernfusion von Woodstock“ nennt: Die „Symbiose von Protest, Gegenkultur und Kulturindustrie“. Poor „Street Fighting Man“. Die Aufständischen gegen die kulturindustrielle Zurichtung endeten als künstlich beschallte Kommerzzombies und ihre ästhetischen Hampelmänner.

Es ist Grasskamps Verdienst, daß sein Bilanzversuch zum Verhältnis von Kunst und Politik die vernachlässigte Kultur- und Symbolgeschichte des Protestes aufgreift und die Legende der 68er Gegenkultur kritisch durchleuchtet. Die Liste der Vorwürfe ist lang. Danach war die Protestbewegung via Pop-Art und Warhol nicht nur Handlangerin der bekämpften Kulturindustrie, haben die Hippies den Yuppies den Weg bereitet. Sondern mit ihrer Ästhetik der Provokation haben sie auch dem Terrorismus in die Hände gearbeitet.

Das Problem des legendenkillenden Kunsthistorikers ist, daß diese interessanten Behauptungen mehr im Raume stehen, als bewiesen werden und die Protestbewegung zu undifferenziert als kulturelle Einheit gesehen wird. „Die Studentenbewegung war zunächst einmal eine Fortsetzung der Beatles mit anderen Mitteln.“ Solche semantischen Filetspitzen sind natürlich ebenso pointensicher wie elegant, aber historisch ungenau. Selbst wenn die Medien die Ausbreitung der Studentenproteste begünstigten, hat diese Ära auch strukturelle Gründe bundesdeutscher Nachkriegsentwicklung in Politik und Ökonomie. So wie die linke Revolte kulturell-ästhetische Fragen als Nebenwiderspruch immer sträflich unterbewertete, verabsolutiert Grasskamp diese seinerseits als Bedingungen der Protestgenese. Die Studentenbewegung war auch, aber…

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