Titel: Documenta IX , 1992

NOEMI SMOLIK

Ilya Kabakov

WEHE DEM, DER IN EINER FLIEGE EIN LÄSTIGES INSEKT SIEHT

Josef K. sucht den Untersuchungsrichter. Da er jedoch nicht wagt, direkt nach dem Zimmer des Richters zu fragen, denkt er sich eine fiktive Familie aus. Er läuft durch das Haus und fragt nach dieser Familie, wohl wissend, daß er sie nicht finden kann, doch hoffend, auf diesem Weg den Richter aufspüren zu können. Wie überrascht ist er dann, als ihm plötzlich die Tür dieser Familie gezeigt wird; denn anscheinend gibt es sie wirklich. Und nicht nur das. Hinter der Wohnung dieser Familie befindet sich auch tatsächlich das gesuchte Zimmer des Untersuchungsrichters. Josef K. betritt das Zimmer, und in diesem Augenblick wird Fiktion zur Wirklichkeit.

Als Kafka dieses Gleichnis schrieb, konnte er nicht wissen, daß das gerade anbrechende 20. Jahrhundert das Jahrhundert des Konflikts zwischen Fiktion und Wirklichkeit sein werde. Doch Kafka ahnte es, und er kannte auch schon die Folgen dieses Konflikts: die wachsende Unfähigkeit, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden. In Kafkas Erzählungen und Romanen führt solche Unfähigkeit seine Helden in absurde Situationen, die nur Andeutungen dessen sind, in welche Situationen sich ganze Gesellschaften bringen können, die der Wirklichkeit abgeschworen und sich einer Idee verschrieben haben.

Ilya Kabakov ist in der sowjetischen Gesellschaft aufgewachsen, in einer Gesellschaftform, in der tatsächlich die Idee die Wirklichkeit zu besiegen schien. In dieser Wirklichkeit wurde eine Katze zu einem Baum, eine Fliege zum Grund der Kultur und die lähmende Furcht vor der nächsten Verhaftung zum Ausdruck eines paradiesischen Gefühls erklärt. »Ja, wir haben geglaubt,…

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