Ausstellungen: Stuttgart · von Michael Hübl · S. 230
Ausstellungen: Stuttgart , 1985

Michael Hübl

Im Schatten der Moderne

Louis Soutter
Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, 22.8.-13.10.1985

Sein Cousin nannte sich Le Corbusier, er selbst hieß schlicht Louis Soutter. Während jener eine schöne neue Welt propagierte, erfolgreich wurde und mit seiner Architektur das Erscheinungsbild der modernen Stadt prägte, scheiterte Soutter, ein Exzentriker in schlechter geistiger und körperlicher Verfassung, der früh entmündigt und -einundfünfzigjährig – ins Altersheim eingewiesen wird. Ein zweiter, unauffälliger van Gogh, wie er »ein Selbstmörder durch die Gesellschaft« (Artaud), der ohne Aufsehen zu erregen neunzehn Jahre lang seinem Ende entgegenvegetiert. In einem engen Winkel der Schweiz. Und in der großen Welt, in Stuttgart und Genf, in Paris, in New York, wirkt sein Cousin Le Corbusier und behauptet »Ein großes Zeitalter ist angebrochen« und »Die Großindustrie muß sich des Bauens annehmen und die einzelnen Bauelemente serienmäßig herstellen«. Es gilt die geistigen Voraussetzungen für den Serienbau zu schaffen: »Die strengen geometrischen Architekturen, die er plant und baut repräsentieren gleichsam jene andere Art des Wahnsinns, »in der die Menschen miteinander in der Haltung überlegener Vernunft verkehren, die ihren Nachbarn einsperrt, und in der sie an der gnadenlosen Sprache des Nicht-Wahnsinns einander erkennen.«

Ein deutlicher Anflug von antirationalen Pathos Neuer Philosophie ist zu spüren in der Katalog-Aufbereitung der Ausstellung »Louis Soutter (1871-1972). Zeichnungen, Bücher, Fingermalereien«. Grob gesagt: Da der berechnende Planer, von dem Äußerungen existieren wie »Das Privatinteresse wird in Zukunft der Gemeinschaft unterstellt sein«, dort der leidenschaftliche Planer, dessen Privatinteresse, dessen freie Entfaltung seiner Persönlichkeit der Gemeinschaft unterstellt wurde, indem sie ihn einsperrte. Dabei ist dieser Gegensatz noch nicht einmal…

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