Titel: Kunst und Geld , 2000

MICHAEL HÜBL

Im Zeichen des Geldes

NOTATE ZUR DEMATERIALISATION DER ZAHLUNGSMITTEL
IN IHREM VERHÄLTNIS ZUR BILDENDEN KUNST

1.

Zeit, Information, Libido, Erwartung – das alles kann Geld sein. Wer einen Parkschein findet, der noch eine gewisse Zeitspanne gültig ist, wird, sofern er gerade selbst ein Auto abstellen will, einen kleinen Profit einstreichen. Wer die Bilder eines Malers erwirbt, bevor er in Mode kommt, und sie verkauft, ehe ein allgemeiner Ennui den Preisverfall herbeigähnt, darf mit Gewinn rechnen. Wer ein sexuelles Verhältnis mit einem Staatspräsidenten hat und an der parteipolitischen und massenmedialen Ausschlachtung mitwirkt, sorgt für Millionenumsätze. Und selbst dort, wo es um harte ökonomische Fakten, um Bilanzen, Wechselkurse oder Zinstender geht, können plötzliche Meinungsschwankungen, optimistische und pessimistische Gefühle erhebliche, in Geld messbare Auswirkungen haben, wie John Maynard Keynes in seinem Hauptwerk „The General Theory“ darlegte.1 Dem Augenschein an der Supermarktkasse zum Trotz ist Geld eben nicht notwendig an Materie gebunden. Neros apodiktische Feststellung pecunia non olet ist mithin mehr als eine Latrinenparole. Sie trägt einem Abstraktionsvorgang Rechnung. Der Geschäftsverkehr ist nicht mehr an agrarische Tauschobjekte gebunden. Vieh, pecus, riecht; Geld, pecunia, nicht. Sein Wert lässt sich mit Hilfe an sich neutraler, meist jedoch symbolisch aufgeladener Stoffe vermitteln. Das ist nicht selten eine Frage der Quantität: In Mikronesien kursierte über Jahrhunderte Steingeld mit Durchmessern von bis zu vier Metern. Aber selbst diese schweren Zahlungsmittel waren mit einem immateriellen Moment belegt: je gefährlicher die Überfahrt vom Argonit-Steinbruch auf Babeldaob, der Hauptinsel Palaus, nach Yap, dem Geltungsbereich, desto höher der Wert.2 2.

Gold ist die Materie, die am…

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von Michael Hübl

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