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Magazin: Symposien & Kongresse · von Ingo Arend · S. 424 - 425
Magazin: Symposien & Kongresse , 1994

Ingo Arend
Immer und überall

Der Kongress »Das Böse« In der Bonner Bundeskunsthalle

Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft. Dreht man den Satz aus Goethes Faust herum, trifft er ins kranke Herz unserer technischen Zivilisation. Von der Atomkraft über die Genmanipulation bis zur neuen Sturmflut aus Gewalt, Verelendung und Rassismus: Nach dem größten zivilisatorischen GAU, nach Faschismus und Holocaust, scheint nun endgültig das Diktum von Max Horkheimer und Theodor Adorno von 1947 bestätigt. Danach trägt die Aufklärung schon den „Keim zum Rückschritt in sich, der heute überall sich ereignet“.

Die von den beiden Klassikern geforderte „Besinnung auf das Destruktive des Fortschritts“ stand hinter dem Bonner Kongreß „Das Böse“. Ganz neu ist die Frage nach dem, was die Veranstalter „systemisches Böse“ nannten, nicht. Daß ursprünglich gute Intentionen wie die, sich zu nähren, zu kleiden und zu schützen in anonyme Wirkungen größten Ausmaßes umschlagen, zeigt nicht nur die Umweltkatastrophe, sondern auch schon die atomare Abschreckung. Über der schwebte immer das Damoklesschwert des Krieges aus technischem Zufall durch absichtslosen Fehlalarm. Auch die Verkehrspolitik, der ursprünglich aufklärerische Versuch, dem einzelnen Menschen mehr Bewegung zu verschaffen, ist ins Gegenteil umgeschlagen. Nun stecken wir im kollektiven Stau. Selbst die böse Geißel AIDS könnte man als das entwicklungsgeschichtliche Phänomen erklären, wie körperliche Systeme anfangen, sich selbst zu zerstören.

Doch was ist das Böse genau? Woher stammt es? Je mehr es sich ausbreitet, desto unsichtbarer scheint es zu werden. „Selbstbegegnung der Vernunft“ nannten die Organisatoren, der Berliner Kultursoziologe Dietmar Kamper, der…


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