Ausstellungen: München · von Heinz Schütz · S. 405
Ausstellungen: München , 1991

Heinz Schütz

Ingo Günther

»Barzoft, Colon, Vanunu«

Kunstraum München, 19.9. – 23.11.1991

Die Zeichen mehren sich. In einer Kurzmeldung berichtet die Tagespresse jüngst: „Atomraketen werden zu Kugelschreibern.“ Als zeitgenössische Version des „Schwerter zu Pflugscharen“ entstehen aus dem Metall der verschrotteten amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen Kugelschreiber und Füllfederhalter – Stückpreis zwischen 50 und 500 DM. Die Hälfte des Erlöses fließt in einen Katastrophenhilfsfonds. Also: Heureka! Das Zeitalter des Pazifismus beginnt. Der Wettkampf der Hochrüstung hat sich in einen Potlatch der Abrüstung verwandelt: Gorbatschow gibt vor – Bush zieht nach – die Werbestrategen reagieren – die Vermarktung setzt ein – die Wohltätigkeit boomt.

Ganz anders in Ingo Günthers Ausstellung. Kugelschreiber werden hier (symbolisch) zu Raketen. Auf einer Weltkarte hat er Kugelschreiber, deren Aufdruck für die Vereinten Nationen wirbt, in Stellung gebracht. – Also: kein Pazifismus?

Die erstgenannte Transformation erfolgt real, dafür allerdings ist sie ideologisch. Sie täuscht über die fortgesetzte Hochrüstung hinweg. Günthers Transformation erfolgt nur spielerisch semiotisch, dafür ist sie realistisch. Seine Kugelschreiberverwandlung läßt sich als ironische Anspielung auf die neue Rolle der Vereinten Nationen verstehen, etwa als Friedensstifter, der in die Golfregion den Krieg bringt. Verstärkt wird diese Interpretation durch ein kleines unscheinbares Foto von Raketen. Ihre Farbe entspricht, rein zufällig, dem UNO-Blau.

Vor der Folie der jüngsten militärischen Eskalationen – Krieg tobt nun auch in Mitteleuropa – und der allmählichen Beendigung des Kalten Krieges erhält die Ausstellung ihre Aktualität. Günther lenkt den Blick auf die Erde als Ganzes. Bereits in seinen früheren Arbeiten spielen neben Globen Satelitenbilder eine entscheidende Rolle. Günther gründete eine Firma, die Satelitenfotos…

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