Titel: Documenta IX · von Lutz Windhöfel · S. 188
Titel: Documenta IX , 1992

LUTZ WINDHÖFEL

Italien

KLASSISCHE AKTUALITÄT ARMER KUNST

Ist die Repräsentation gut oder schlecht? Ist sie innovativ oder regressiv? Ist die Repräsentation, das offene Sehen, Zeigen, Ahnen, Träumen oder Montieren von Wirklichkeit ein Mittel, um die Komplexität von historischer Erfahrung und aktueller Modernität zu spiegeln? Oder ist sie ein geschlossenes System, ein sich selbst historisierendes Phänomen, dem folglich das Spannungsmoment aktiver Zeitgenossenschaft abgesprochen werden muß? Die italienische Nachkriegskunst, deren zentralen Strang man ab 1968 unter dem Begriff »arte povera« zusammenfaßte, hat diese Fragen immer wieder aufgeworfen, und sie hat damit ein gemeinsames Fundament mit den philosophischen Diskursen eines Jean-François Lyotard oder Jean Baudrillard. Fast scheint es, als hätte die Kunst von Mario Merz, Jannis Kounellis und Giulio Paolini, von Luciano Fabro, Michelangelo Pistoletto und Pierpaolo Calzolari, von Gilberto Zorio, Ettore Spaletti, Remo Salvadori oder Marco Bagnoli und Marisa Merz entstehen müssen, um der Philosophie das paradigmatische Bild zu liefern.

Jan Hoet hat alle genannten Künstler zur DOCUMENTA IX geladen und stellt damit deren ungebrochene Aktualität heraus. Kounellis sagte im letzten Augenblick seine Teilnahme ab. Als Veteran figuriert in diesem Nationen-Segment Pistoletto, der schon an der d 4 (1968) teilnahm. Als konstanter Part erweist sich jener Paolinis, der seit Harald Szeemanns d 5 (1972) nicht mehr fehlte, während allen anderen von Rudi Fuchs und Manfred Schneckenburger Pausen verordnet wurden. Calzolari und Zorio kehren nach 20jähriger Abstinenz wieder zurück. Mariella Simoni (geboren 1948, lebt in Gent), Hidetoshi Nagasawa (1940, Mailand), Addo Ludovico Trinci (1956, Pistoia) und Liliana Moro (1961, Mailand) nehmen zum ersten Mal an einer documenta…

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