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Gespräche mit Künstlern · S. 207
Gespräche mit Künstlern , 1984

Joseph Beuys und die Politik

Ein Interview von Nikolaus Delacroix

D: Joseph Beuys, Sie haben damit begonnen, aus Ihrer Vorstellung von Natur heraus, von Magie, von Imagination, Zusammenhänge darzustellen: Veränderung, Verwandlung organischer Stoffe war Ihr Thema, etwa in der „Fettecke“ oder „Honigpumpe“. Durch Erwärmung, Auflösung erstarrter Vergangenheitsformen verfolgten Sie die zukünftige Gestalt der Gesellschaft. Schließlich verstanden Sie das Denken selbst als Plastik.

In den letzten Jahren, so scheint es, haben Sie weniger symbolisch gehandelt, weniger gezeichnet, als vielmehr den direkten Eingriff in das Leben gesucht, mit konkreten, überprüfbaren Aktionen. Ich denke an Ihr Baumpflanzungsprojekt „7000 Eichen“ für Kassel anläßlich der letzten Dokumenta.

B: Der erweiterte Kunstbegriff muß zur Veränderung von Realität fähig sein, also mehr sein, als Aktionskunst, Happening, Fluxus, – Begriffe, die man einordnen kann, als Stil vereinnahmen kann.

Die soziale Plastik existiert außerhalb des Stils. Ihr Ziel ist die Umwandlung der Gesellschaft und mehr Lebensqualität für den Menschen. In diesem Sinne ist jeder Mensch ein „Künstler“, Gestalter der Zukunft. Der Künstler, der herausgehoben aus der Gesellschaft, unter irgendeiner Ideologie moderner Kunst sein Wesen treibt: Da wird die Gesellschaft eingeteilt in Künstler und Nichtkünstler. Wo es sich um soziale Kunst handelt, ist jeder Mensch ein Mitgestalter. Das ist eine neue Kunstdisziplin, die es in der Geschichte noch nicht gegeben hat; also Kunst nicht nur als Bildermalen oder Skulpturenmachen oder Tanzen oder Bücherschreiben: Die Zukunftsgestaltung am sozialen Ganzen ist der allerhöchste Kunstbegriff, da ist jeder Mensch betroffen. Das habe ich versucht in der Zeit der deutschen Studentenbewegung mit der „Organisation für direkte Demokratie“, was heute…

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