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Ausstellungen: Köln · von Annelie Pohlen · S. 186
Ausstellungen: Köln , 1983

Junge Kunst in Deutschland – privat gefördert

Daß die private Kunst Förderung Schritt für Schritt zum Strohhalm der Kunstvermittler und -produzenten werden könnte angesichts des kulturellen Kahlschlags, den die öffentliche Hand riskiert, spricht sich herum. Amerikanische Verhältnisse? In Deutschland scheut man sich schnell bei der Verbindung von freier Kunst und ’schmutzigem‘ Kapital, die Liaison will nicht so recht klappen.

Gerade recht kommt da eine Wanderausstellung und eine umfangreiche Dokumentation unter dem Titel Junge Kunst in Deutschland – privat gefördert. Was in einem Konzentrat von 16 Künstlern für den Start einer Wanderausstellung im Kölnischen Kunstverein aus insgesamt 111 Künstlern (denen allen ein umfangreiches Handbuch gilt) ausgewählt wurde, ist die eindrucksvolle Darstellung dessen, was private Kunstförderung leisten kann. Nicht anrüchig, nicht gefällig, sondern herausfordernd. Sechs große private Stifter treten mit ihren, durch Preise und Stipendien in der Vergangenheit unterstützten Künstlern an die Öffentlichkeit: der Kunstpreis Böttcherstraße aus Bremen, gestiftet vom Kaffee-König Ludwig Roselius (1934), der Förderpreis Glockengasse von 4711 in Köln (1980), das Annemarie- und Will Grohmann-Stipendium aus Stuttgart, die Dimensionen betitelte Förderung der in München ansässigen Philip-Morris-Gesellschaft, die Jürgen Ponto-Stiftung mit Sitz in Bonn und der Kulturkreis des BDI (Köln).

111 Künstler wurden von diesen Großen der Privatinitiative im Laufe der Jahre gefördert. Sie alle in einer Ausstellung zu vereinen, war schlechterdings nicht möglich. So einigte sich das Ausstellungskomitee auf die mehrfach Geförderten und fügte einige wenige hinzu, die alle spontan für gut befanden. Das von Dieter Honisch herausgegebene Handbuch dokumentiert allerdings die Gesamtheit der Geförderten. Zwei Dinge sind an diesem Unterfangen von entscheidender Bedeutung: die hier Vorgestellten, namentlich die mehrfach Geförderten, mithin die Lieblinge der privaten Förderer, dürften kaum dazu angetan sein, die industrielle Kunstförderung anrüchig erscheinen zu lassen. Tatsache ist, daß das durch die sechs Mäzene stellvertretend demonstrierte Bündnis zwischen privatem Kapital und Kunst den Künstlern in der Regel wohl nützlicher war als den Förderern. Unter den vielen Maßnahmen, die der Künstlerförderung dienlich sind wie Ausstellungen, Publikationen, Reisestipendien und anderes mehr, kommen die hier repräsentierten Maßnahmen den Künstlern in Form von Geldzuwendungen direkt zugute. Wer die besonders Geförderten in der spannend-kargen Ausstellung im Kölnischen Kunstverein auch nur flüchtig überblickt, versteht nur allzu leicht, was dies bedeutet.

Womit der Schritt zum zweiten Punkt getan wäre. Korrigiert wird das weit verbreitete Urteil, daß der Industrie an der Politur ihres Images mit gefälliger, eingänglicher oder arrivierter Kunstware gelegen sei. Natürlich ist Image-Pflege im Spiel, wo wäre das nicht der Fall? Aber diese Künstler dürfen im weiten Umfeld des bourgeoisen Kapitals wohl kaum als Zierde begriffen werden, hätten sie doch dann die finanzielle Unterstützung kaum derart nötig. Kurz gesagt, hier wurden mit Vorzug Künstler gefördert, die das Geld dringend benötigten, weil ihre konsequente Arbeit auf dem Kunstmarkt kaum verkäuflich war. Hier wurden Künstler unterstützt, die auf hohem intellektuell-künstlerischem Niveau experimentierten und sich so dem leichten Verkauf entzogen. Die Video-, Film- und Performance-Künstlerinnen Rebecca Hörn und Ulrike Rosenbach zum Beispiel oder die wahrlich spröden Bildhauer Alf Lechner, Wolfgang Nest1er und Alf Schuler, der Spurensicherer Nikolaus Lang oder Anna Oppermann mit ihren subtilen, intuitiv und intellektuell herausfordernden Environments sind die eklatantesten Beispiele. Doch die Tendenz läßt sich mutatis mutandis mit der Gesamtheit der Geförderten bestätigen. Selbst unter den jungen Künstlern, also der eben erst angetretenen Generation

– auch dafür liefert die Ausstellung mit Otto Boll, Isa Genzken und Johannes Lehnhart Anschauungsmaterial -, ist es das eher spröde Außenseitertum, das der Aufmerksamkeit der Förderer über den kompetenten Rat ihrer Juroren nicht entging. Mit solcher Kunst läßt sich im Industriebereich wohl kaum Firmenwerbung treiben. Sollte Herr Flick wohl neidisch werden, daß bei der Konkurrenz Isa Genzken in der Fabrikhalle arbeitet? Oder welcher Bürger würde wohl vom Feind des Kapitalismus zum Freund, nur weil Ulrike Rosenbach

– etwas besser finanziell ausgerüstet – ihrer künstlerischen Reflexion über die soziale Rolle der Frau, des Menschen, im Video- und Performance-Bereich nachgehen konnte?

Daß manches Unternehmen des BDI schon gegen solche Kunst Sturm gelaufen ist, weiß man dort nur zu gut. Das, was jetzt vorgestellt wird, macht den Förderern, die sich allesamt von Experten beraten ließen, durchaus Ehre. In der angestrengten Situation der mehr und mehr schrumpfenden Mittel für Kunst ist nur zu hoffen, daß das verquere Verhältnis zwischen Kunstszene und Kapital durch diesen Auftritt ein wenig zurechtgerückt werden kann. (Kölnischer Kunstverein; Nationalgalerie Berlin, 19.1.-20.2.83; Städtische Galerie im Lehnbachhaus, 20.4.-29.5.83)
Annelie Pohlen