Titel: Realkunst - Realitätskunst , 1987

Katharina Fritsch

Katharina Fritsch stellt Gegenstände zusammen oder hebt sie hervor. Der inszenatorische Charakter ihrer Arbeiten läßt sich überall ablesen. Die erste Stufe dieser Inszenierung ist der Gegenstand an sich, der aus einem bestehenden Kontext entfernt wird und durch diese Distanzierung eine Bedeutungsverschiebung erhält. Die Madonnenfigur, Musterbild der Lourdes-Madonna, wird hellgelb bemalt, die Flasche auf dem Beistelltisch ist mir ihren eckigen Kanten nur noch Hinweis auf das Vorbild. Eine Menge roter Kugeln wird zum Kreis gelegt und zitiert die Form des Rosenkranzes. Die Gegenstände von Katharina Fritsch sind nicht bloße Gegenstände, ihre Alltäglichkeit ist durch die Herkunft und die Situation gebrochen. In den ihnen eigenen Situationen haben sie Alltäglichkeit, losgelöst davon ist diese Alltäglichkeit künstlich. Katharina Fritsch baut mit ihren Darstellungen auf dieser Künstlichkeit auf. Sie nimmt eine Verdoppelung vor, die das Objekt scheinbar wieder in einen ihm gemäßen Kontext setzt. Das aber bleibt Fiktion, denn die Inszenierung führt sich selber, und der Gegenstand ist Element dieser Vorführung. Der Gegenstand beginnt dabei in seiner Bedeutung zu diffundieren, zu oszillieren: Alltagsgegenstand, religiöser Artefakt, Kunstwerk. Kann der bedeutungsvolle Gegenstand, sei er Elefant oder Madonna, durch eine Strategie der Verdoppelung einen Wert erreichen, der ihm vor seiner Inszenierung zukam? Kann die Wahrnehmung darin dem Objekt einen Status verleihen, der eine diskrete Wahrnehmung nahelegt, die nicht der vom Objekt induzierten entspricht? Der Ort der Inszenierung könnte eine solche Wahrnehmung produzieren, aber der Gegenstand bewahrt aufgrund seiner Herkunft seine eigene Wahrnehmung. Wem gebührt der Vorrang, dem Objekt, dem Gegenstand oder der Wahrnehmung? Die Inszenierungen von Katharina…

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