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Magazin: Publikationen · S. 316 - 321
Magazin: Publikationen , 1991

Paolo Bianchi
»Keine Worte mehr …sprecht nicht mehr«

Über Dominique Noguez‘ Aktuelles Buch »lenin Dada«
Mehr als eine neue Hypothese über den Ursprung von »dada«?

Gleich vorweg: „Lenin dada“ von Dominique Noguez ist eines der aktuell spannendsten und streitbarsten Bücher in der Sparte Kunstgeschichtliches beziehungsweise Kunst-&-Geschichts-Kriminalistik. Mehr noch: Die detektivische Suche nach Zeugnissen und Zitaten, Quellen und Dokumenten verschränkt Facts & Fiction derart massiv miteinander, dass hier ein neues Genre begründet wurde: „Faction“ statt „Fiction“. Eine frappante graphologische Entdeckung erlaubte es dem Autor, eine neue Hypothese über den Ursprung von „Dada“ niederzuschreiben. Nicht nur, dass Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) der Gründervater von Dada gewesen sei, will uns Noguez weismachen, sondern dass Lenin der einzige wahre Vollstrecker des Dada-Gedankens im praktischen Leben und politischen Alltag („Dada-Politik“) war: die Oktoberrevolution eine dadaistische Aktion also? Noguez folgend, war eigentlich Lenin schon Dadaist, bevor es Dada gab, was ganz dem Dada-Credo entspricht: „Bevor Dada da war, war Dada da.“

„Der Spiegel“ (43/90) lobt die Noguez-Studie, da einerseits „auf der Dada-Folie Lenins Kunst-Sinn und sein Hang zu Massenerschiessungen plausibel“ werde, andererseits „Dada-Worte, durch Lenin zu Fleisch geworden, ihre ganze Bedeutungstiefe“ gewinnen würden, und regt an (hoffentlich im Sinne des schwarzen Humors Dadas gemeint), auch Hitler neu zu deuten: „als gescheiterten Maler etwa, der folgerichtig Englands Städte ‚ausradieren‘ wollte, oder als zwanghaften Nichtraucher, der Rauch und Asche hinterliess.“ Die „Neue Zürcher Zeitung“ (Nr. 256) schrieb von „einer himmelstürmenden Konstruktion fragilster Art“ und warnte vor der „Scheinkonstruktion“ „Lenin dada“, denn es existiere keine grössere Diskrepanz als die zwischen dem politischen…



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