Gespräche mit Künstlern · von Kerstin Stremmel · S. 198
Gespräche mit Künstlern ,

Kiki Smith

Das Glück privater Räume

Ein Gespräch mit Kerstin Stremmel

Die amerikanische Künstlerin Kiki Smith ist 2019 viel in Europa unterwegs, bis in den Sommer hinein gab es in den Uffizien eine Ausstellung von ihr zu sehen, Mitte September endete „Procession“ im Wiener Belvedere, die Schau die Petra Giloy-Hirtz zuvor für das Haus der Kunst in München kuratiert hat, Ende September eröffnete im Modern Art Oxford die von derselben Kuratorin eingerichtete Ausstellung „I am a Wanderer“ und am gleichen Wochenende in der Galleria Continua in San Gimignano ihre Ausstellung „Compass“. Hier, in San Gimignano, befindet sich zudem seit einigen Jahren in den Überresten der alten Festung Montestaffoli, wo heute ein belebter Park unter anderem als Kinderspielplatz genutzt wird, auch eine Arbeit von Smith im öffentlichen Raum: Unter dem Bogen einer Mauer sitzt auf einem Stuhl ein ernstes zartes Geschöpf aus Keramik, „Yellow girl“, umgeben von Glühbirnen, die Kiki Smith als Symbol der Energie-Übertragung faszinieren. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Amerika, wo Smith als außerordentliche Professorin an der New York und der Columbia University unterrichtet, eine Tätigkeit, die sie nicht wegen ihrer regen Ausstellungstätigkeit gefährden will, geht es weiter nach Paris, wo im Monnaie de Paris ihre erste Einzelausstellung in einer öffentlichen französischen Einrichtung stattfindet. Das Jahresprogramm von Smith ist also nicht unanstrengend, zudem ist sie erkältet, aber dem Gespräch widmet sie sich mit Interesse und Neugier. Bei dem folgenden Auszug ist zu bedenken, dass auf der Aufnahme die ganze Zeit Vogelgezwitscher im Hintergrund zu hören ist – Kiki Smith wollte zunächst durch das Fenster nach draußen auf eine Dachterrasse klettern, aber wir trauten uns nicht recht, eine Räuberleiter zu machen – das Fenster wurde dann weit geöffnet.

Kerstin Stremmel: Ihre nächste Eröffnung findet in Frankreich statt; waren Sie eigentlich jemals wieder in Angers, um die mittelalterlichen Wandteppiche mit Darstellungen der Apokalypse zu sehen, die Sie bei ihrem ersten Besuch im Jahr 1976 so beeindruckt haben?

Kiki Smith: In Angers war ich nie wieder, aber ich schaue mir die Abbildungen oft in Büchern an. Für mich gehören sie noch immer zu den faszinierendsten Dingen, die ich je gesehen habe. Im Grunde mag ich das apokalyptische Narrativ nicht, denn es legt beispielsweise im Umgang mit dem Klimawandel eine Unvermeidbarkeit nahe, die fatalistisch ist, was mir nicht gefällt. Aber bessere Bilder existieren nicht. Es gibt übrigens einen sehr begabten französischen Teppichknüpfer, Jean Lurçat, der über das Thema auch publiziert hat und nach dem 2. Weltkrieg eine Antwort auf die mittelalterlichen Werke machte: Seine Teppiche sind mystisch, magisch, hippie-esk und haben strahlende Farben. [Lurçats ebenfalls monumentale Wandteppiche entstanden zwischen 1957 und 66 und sollen unter dem Namen „Chant du monde“ die Apokalypse der Neuzeit darstellen, sie sind in einem Textilkunstmuseum ebenfalls in Angers zu sehen].

Auch hier in San Gimignano gibt es in der Collegiata di Santa Maria Assunta, dem ehemaligen Dom, Darstellungen vom jüngsten Gericht.

Ja, auch hier ist die Fantasie der Darstellungen umwerfend, sie haben eine so starke Wirkung, es sind einfach die fantastischsten Bilder in der Bibel. Der Mond, der rot wie Blut wird – diese Bilder sind in unseren Liedern, ich sehe mir das alles gern an.

Wenn wir Menschen auch verschwinden, ist vielleicht mit der Welt alles wieder in Ordnung.

In den Ausstellungsräumen der Galleria Continua, die Sie selbst für die Präsentation ihrer Arbeiten ausgesucht haben, gibt es Bezüge zur Umgebung. Die Arbeiten werden in einem verlassenen Apartment im historischen Hotel Leon Bianco gezeigt, an den Wänden sind die verblassten Farben einstiger Bemalung zu erkennen, der Blick geht auf die Piazza Cisterna und einige der berühmten Geschlechtertürme, vor einem anderen Fenster, durch das man auf den Domplatz blicken kann, hängen an Fäden zwei Skulpturen aus Aluminium, „Protector“, aus dem Jahr 2019: Es sieht aus wie Knoblauch, die klassische Abschreckung vor Vampiren.

Ja, mein eigener Knoblauch! Eine Skulptur mit wenig Gewicht, getrockneter Knoblauch ist perfektes Material für eine Skulptur. Und die Türme sind natürlich Beweis für ökonomische Macht und zugleich der Versuch, Wohlstand an diesen Ort zu bringen.

Immer wieder haben Sie ihre Begeisterung für Handwerk ausgedrückt. War das bei der Rezeption Ihrer Arbeiten je ein Problem?

Ehrlich gesagt ist mir das völlig egal. Ich kann meine Arbeitsweise nicht ändern, bloß weil jemand mir das sagt. Ich habe großen Respekt vor Handwerk und angewandter Kunst, das ist es, was Menschen machen, sich und ihre Umgebung schmücken. Es zeigt auch Respekt für die Umgebung.

Sammeln Sie selbst auch?

Es hält sich im Rahmen. Meine Eltern hatten sehr wenig, die Möbel wurden von einem Raum in den anderen getragen, wir haben nur von meiner Großmutter mütterlicherseits etwas geerbt, aber das blieb auf dem Dachboden. Meine Eltern, 1912 beziehungsweise 1915 in Industriellenfamilien hineingeboren, hatten die Fülle in ihrer Kindheit und sie hassten das alles. Ich hingegen mag nun wieder dekorative Teller und ähnliches, aber ich versuche, es im Rahmen zu halten. Es gibt Häuser, in denen alles maßlos perfekt dekoriert ist, das kann ich nicht, es gibt einen Zeitpunkt, wo es mir reicht. Ich denke, die nun folgende Generation hat auch wieder sehr wenig Interesse an Dingen, sie verweigern sich, ich kenne das von meiner Nichte oder meiner Stieftochter. Und man muss ja auch darüber nachdenken, was mit den Sachen passiert. Man kann schließlich nicht einfach sterben und das Problem anderen überlassen. Die Bibliothek meines Vaters ist seit mehr als 20 Jahren in einem Lager, niemand will mehr Bücher, und ich selbst habe natürlich auch Tausende von Büchern, und schaue kaum noch rein. Selbst Bilder schaue ich mir heute oft im Internet an, eigentlich schrecklich.

Da ich auch als Bibliothekarin arbeite, kenne ich das Problem mit geliebten Büchern, die niemand mehr haben will, es gibt oft schwierige Situationen.

Ich war im Ashmolean Museum, und dort sprachen sie über steigendes Grundwasser. Na ja, in diesem Museum ist das vielleicht kein Problem, aber entlang der Küste schon, viel wird im Wasser verschwinden. Wenn wir Menschen auch verschwinden, ist vielleicht mit der Welt alles wieder in Ordnung. Andererseits habe ich beispielsweise auch im Ashmolean wieder gesehen, was für außergewöhnliche Dinge Menschen geschaffen haben. Mal sehen, was wird, ich verstehe jedenfalls, warum die Menschen heutzutage stärker zögern, ihr Herz an Dinge zu hängen.

Ich finde es faszinierend, wie das Spirituelle physische Form annimmt.

Nehmen Sie an Fridays for Future teil?

Da wo ich lebe (upstate New York) haben wir das nicht, aber meine Assistenten sind nach NY gegangen und haben Greta gehört.

Wer sind Ihre Helden?

Nancy Spero and Leon Golub. Vor allem Nancy Spero ist meine Heldin. Ich wünschte meine Arbeit wäre wie ihre, ist es aber nicht. Ich liebe es, wie sie Fragen nach Menschenrechten, politische Dringlichkeit und Klarheit im Hinblick auf Sozialpolitik mit unglaublicher Erfindungsgabe verbindet, wie sie Bilder und Texte kombiniert, ich liebe ihre Grafik und ihre Art, Papier zu verwenden. Louise Bourgeois’ Arbeit hat sehr viel mit Psychoanalyse zu tun, viel mit Geschichten – ich habe viel weniger Geschichten in mir.

Bei ihnen beiden taucht allerdings das Motiv der Verwandlung auf, bei Bourgeois ist es häufig Arachne, die von Athene in eine Spinne verwandelt wird, bei Ihnen ist es Daphne, die ein Baum wird.

Aber ich hatte ja keine Ahnung! Ich hab die Skulptur einfach gemacht, und dann sagten Freunde von mir: Ah, Daphne! Man kann und darf die Assoziationen haben. Ich bin nicht naiv, aber recht ungebildet, eher ein Trüffelschwein, ich kratze, schnuppere, es geschieht nicht mit Absicht. Daphne entstand unbewusst, ich wollte sie einfach machen. Die Skulptur [aus dem Jahr 1993] ist übrigens sehr empfindlich. Das nepalesische Papier [auf das Kiki Smith für mit Tinte, Farbstift und Blattgold vor allem weibliche Figuren mit irritierenden Pupillen gezeichnet hat] in der Ausstellung hier ist besonders haltbar und elastisch wegen seiner langen Fasern, ich bin ziemlich nachlässig, deshalb ist es gut, dass es neben seiner Ähnlichkeit mit menschlicher Haut diese Haltbarkeit besitzt, ich kann es zusammenrollen und unter meine Möbel schieben. Es ist ein auch ein bisschen wie eine Decke, die die Wand beschützt.

Ich bin mit Kunst in privaten Räumen aufgewachsen, die Dinge dringen in dich ein, weil sie einfach da sind.

Ich habe mich in der Ausstellung sehr ruhig und friedlich gefühlt, ist das eine angemessene Reaktion? Welche Wirkung sollte Kunst haben?

Für mich wirkt Kunst stärker als Worte, sie bewegt mich mehr. Und ich liebe die Geschichte, die Sprachen, die verschiedenen Epochen, die Materialien, die Verbindungen zu Geschichte, zu Materialien, ich fühle mich der physischen Welt stärker verbunden als der Welt der Sprache.

Gab es je einen anderen Berufswunsch außer dem einmal von Ihnen erwähnten, also Nonne? Vielleicht Tänzerin?

Nein, ich bin viel zu ungeschickt. Ich liebe allerdings Bewegung. Und ich mag Tänzer*innen wie Meredith Monk und finde auch Bill T. Jones, der sich mit sozialen Themen auseinandersetzt, sehr beeindruckend.

Als Sie heute morgen hinter mir her liefen, um mich für das Gespräch abzufangen, war das sehr elegant.

Ach, ich habe gezögert, ich wollte Sie nicht behelligen. Na ja, seit etwa zehn Jahren sage ich, dass mich angewandte Kunst interessiert. Ich finde es faszinierend, wie Menschen sich ihr Leben einrichten, Spinnereien, das Weben, die verschiedenen Arten von Mustern – es ist erstaunlich, wie Dinge gemacht werden und was gemacht wird, und zwar sowohl für das tägliche Leben als auch für Formen der Andacht, zu sehen, wie das Spirituelle physische Form annimmt. Was mir an meiner Arbeit gefällt, ist die Wiederholung. Das ist auch eine Form der Beruhigung. Es macht dich wach und beruhigt dich. Ich bin nicht daran interessant, zu wachsam zu sein, aber wach! Ich schreibe auch bei Vorträgen, um wach zu bleiben. Als ich jünger war, war ich viel schläfriger. Jetzt nicht mehr.

Wie kommt es eigentlich, dass Sie in Nürnberg geboren sind?

Meine Mutter war Opernsängerin, ging nach Italien, und Freunde aus Deutschland empfahlen ihr, wegen der guten Lehrer, nach Deutschland zu kommen. Sie ist in New York in Musicals aufgetreten und wollte Opernsängerin werden. Deutschland hatte damals nicht so viele Sängerinnen, also hatte sie ihre Premiere als Opernsängerin in Deutschland.

Wie begann Ihre Arbeit in San Gimignano?

Der chinesische Künstler Cai Guo-Quiang hat mich eingeladen, an einer Ausstellung in Japan teilzunehmen, die er kuratiert hat. Aus der Zusammenarbeit hat sich in Colle di Val d’Elsa eine weitere Gelegenheit ergeben, die Skulpturen der Mädchen im roten, blauen und gelben Kleid zu zeigen. Ich mag und respektiere Cai sehr. Und so kam ich her und war sehr froh, dass Galleria Continua diese Kunst im öffentlichen Raum unterstützt. Es ist eine wunderbare Erfahrung. Hier, wo es so viel alte Kunst gibt, ist es besonders schön, etwas Zeitgenössisches beitragen zu können.

Am Anfang war ich äußerst misstrauisch, ich dachte das Mittagessen dauert immer ewig und wollte keinen Spaß haben, ich war sehr abwehrend. Aber hier schmilzt einem das Herz. Und gleichzeitig ist die Galerie sehr international, wenige Galerien sind so konsequent. Im Augenblick stellen außer mir ein kubanischer, ein kolumbianischer und ein ägyptischer Künstler aus, das bietet mir Möglichkeiten, in andere Kunst einzutauchen. Und ich kann an besonderen ment ist ein guter Ort für meine Arbeiten. Das Kino Orten ausstellen: Das heruntergekommene Apart[der größte Galerieraum ist ein ehemaliges Kino] hier unten ist zu groß. Für mich ist die Intimität in ‚meinen‘ Ausstellungsräumen ganz wunderbar. So viel Platz wie im Kinosaal könnte ich nie füllen. Und ich mag private Räume. Ich bin auch mit Kunst in privaten Räumen aufgewachsen, die Dinge dringen in dich ein, weil sie einfach da sind. Immerhin gibt es in Museen manchmal Bänke. Andererseits mag ich auch Außeninstallationen. Man muss mit den Orten unterschiedlich umgehen, herausfinden, was passt, organisieren und Probleme lösen.

Derzeit ist von ihr unter anderem bis zum 19.01.2020 im Modern Art Oxford I am a Wanderer zu sehen, bis zum 06.01.2020 die Ausstellung Compass in der Galleria Continua in San Gimignano und ihre erste Retrospektive in einer französischen Institution im Monnaie de Paris bis zum 09.02.2020.
www.modernartoxford.org.uk
www.monnaiedeparis.fr
www.galleriacontinua.com
KIKI SMITH
1954 in Nürnberg als Tochter der Schauspielerin und Opernsängerin Jane Smith und des Architekten und abstrakten Bildhauers Tony Smith geboren, 1955 zog die Familie in die USA, wo Smith in einem von Kunst geprägten Umfeld aufwuchs. Smith lebt und arbeitet in New York und Upstate New York.
Künstlerische Entwicklung: In den 1980er Jahren hat sich Smith, die mit einer Fülle unterschiedlicher Materialien arbeitet, vor allem in den Medien Skulptur, Zeichnung und Druckgrafik mit elementaren menschlichen Zuständen und drastischen Formen der Körperlichkeit auseinandergesetzt. Seit Mitte der 90er Jahre hat sie sich verstärkt der Welt der Märchen zugewandt, und in den letzten Jahren interessiert sie sich besonders für das Verhältnis des Menschen zu Tieren, zur Natur, zum Kosmos.
AUSSTELLUNGEN (Auswahl)
Smith hatte ihre erste Einzelausstellung 1988 in der Fawbush Gallery in New York und ihre erste museale Einzelausstellung 1989 im Dallas Museum of Art. Ihre erste Ausstellung in Europa fand 1990 im Centre d’Art Contemporain in Genf statt. 1991 nahm sie erstmals an der Whitney Biennale in New York teil. Es folgten zahlreiche Ausstellungen, darunter die Retrospektive Kiki Smith: A Gathering, 1980 – 2005, die im San Francisco Museum of Modern Art eröffnet wurde. In Europa hatte sie Ausstellungen im Bonner Kunstverein Bonn (1992), in der Fondazione Querini Stampalia in Venedig (2005), im Palais des Papesses in Avignon (2013); die Ausstellung Procession war im Haus der Kunst, München (2018) und im Belvedere in Wien (2019) zu sehen.
ARBEITEN VON SMITH IN ÖFFENTLICHEN SAMMLUNGEN
Centre Pompidou in Paris, Museum of Modern Art in New York, Moderna Museet in Stockholm, Whitney Museum of American Art in New York, Solomon R. Guggenheim Museum in New York, The Metropolitan Museum of Art in New York, Tate Gallery in London, Victoria and Albert Museum in London, Museum of Contemporary Art in Los Angeles, the Museum of Contemporary Art in San Diego u. a.

von Kerstin Stremmel

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