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Magazin: Kulturpolitik · S. 392 - 396
Magazin: Kulturpolitik , 1991

Kulturkampf

HINTERGRÜNDE DES FALLS SERRANO / MAPPLETHORPE

VON MICHAEL KÖHLER

7. April 1990. Ort: Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio, Großstadt von einer halben Million Einwohner. Vor dem Contemporary Arts Center hat sich eine erregte Menge versammelt. Zwei Dutzend Polizisten bahnen sich den Weg zum Eingang des Centers. Rufe wie „Faschisten“ und „Gestapo, go home!“ sind zu hören. Auch drinnen kommt es zu Tumulten, als die Uniformierten die laufende Ausstellung, eine Robert-Mapplethorpe-Retrospektive, schließen, um sie auf Videoband aufzuzeichnen, das dem lokalen Staatsanwalt als Beweismaterial für einen Prozeß gegen den Direktor des Centers dienen soll. Anklagepunkt: Verbreitung unzüchtiger Bilder.

Nun ist Robert Mapplethorpe nicht irgendein obskurer Fotograf von regionaler Reputation. Vielmehr einer der populärsten Fotokünstler der Gegenwart überhaupt, berühmt vor allem für seine zwar bisweilen kühnen, aber stets mit kühler Eleganz inszenierten Männerakte, die als Pornographie mißzuverstehen schon böse Absicht voraussetzt – wie ein Blick auf die Illustrationen dieses Beitrags zweifelsfrei erkennen läßt.

Aber um Fairneß und Common sense geht es im Fall Mapplethorpe schon lange nicht mehr. Für die konservativen Drahtzieher, die den Sturm in Cincinnati entfachten, ist er nur der geeignete Anlaß, um ein weit ehrgeizigeres Ziel zu erreichen, nämlich die Freiheit der Kunst insgesamt einzuengen. Und das bringt uns zur Vorgeschichte des Falls.

Die Anfänge des heutigen Kulturkampfes

Nach Vorstellung der ultrakonservativen Kreise, die seine Wahl maßgeblich möglich gemacht hatten, sollte die Präsidentschaft Ronald Reagans nicht nur als politische Wende in die Geschichte eingehen, sondern auch als Zeit moralischer Erneuerung. Einer Rückkehr zu den traditionellen Werten und Tugenden, die Amerika groß gemacht hatten.

Wie immer, wenn selbsternannte Saubermänner…

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