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Titel: Biennale Venedig '84 · S. 174 - 177
Titel: Biennale Venedig '84 , 1984


Kunst im Spiegel

von Maurizio Calvesi

Ziel dieser Ausstellung ist es, ein Panorama jener Arten und Weisen zu bieten, mit denen die zeitgenössische Kunst in den Formen präziser Hinweise und Bezugnahmen die eigene Beziehung zur Kunst der fernen oder auch engsten Vergangenheit gelebt hat oder noch lebt. Die Suche nach dem „Neuen“ ist ein Kennzeichen der Kultur der westlichen Welt schon seit Giottis Zeiten, ohne daß dabei die Suche nach dem Neuen einen Bruch mit den alten Traditionen bedeutet hätte. Es ist wohl wahr, daß das Neue gezwungen ist, sich dem entgegenzustellen, was in mehr oder weniger ausgeprägter Weise als „alt“ bezeichnet wird.

Aber in den vergangenen Jahrhunderten wurden nur Formen als alt empfunden, die nach und nach im Laufe der neuen Forschungen überwunden wurden; niemandem wäre es eingefallen, das Antike als alt zu bezeichnen, oder die Vergangenheit der Kunst in ihrer ganzen Ausdehnung, – oder alles das, was als das fast als heilig zu bezeichnende „Gepäck“ der Tradition oder letztlich der Geschichte ausmachte. Diese Sicht des Alten und des Neuen ändert sich in Europa in radikaler Weise im Zeitraum der Jahrhundertwende zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert; als nämlich das allgemein bekannte Ereignis der industriellen Eroberungen, der Maschine und der neuen Wissenschaften eine tiefe Abstandnahme von der Geschichte hervorruft. Gegen das „Alte“ wird zu einem Kreuzzug aufgerufen, und der Kategorie des Alten wird alles das zugeschrieben, was zu der gesamten Vergangenheit der Kunst, der Tradition und der Geschichte zählt. Aber nicht nur dies: die verzweifelte Konfrontation des Neuen mit dem…


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