Titel: Künstler als Gärtner , 1999

MARTIN STURM

Kunst im urbanen Grün

Löst sich aus dem Dickicht der Innenstadt plötzlich eine unverbaute Fläche und fällt ohne Baufunktion der Öffentlichkeit anheim, was geschieht im Regelfall? Städtische Gärtner treten in Aktion. Mit einem eingespielten Repertoire von Maßnahmen zur Grünraumgestaltung und Verschönerung wird die Fläche besetzt. Es entstehen hybride Gartengebilde mit augenfälliger Künstlichkeit, die, so wird argumentiert, unser aller Bedürfnis nach Grün befriedigen. Die Diagnose: Wir haben ein Naturproblem.

Vor dem O.K Centrum für Gegenwartskunst Oberösterreich gibt es eine solche unverbaute Fläche. Ein 4000 qm großes Areal, mitten im Stadtzentrum der Landeshauptstadt Linz, in bester Lage. Plötzlich war sie da, diese Fläche, wie vom Himmel gefallen: Ein ehemaliger Klostergarten, jahrelang verschlossen und dann als Parkplatzwüste entstellt, wurde 1998 im Zuge des Umbaus und der Neueröffnung des O.K zugänglich gemacht und wird im Mai 1999 „offiziell“ der Öffentlichkeit übergeben.

Auf beispielhafte Weise hat dieser „Platz“ sein Naturproblem gelöst. Keine überdimensionalen Blumentöpfe mit exotischen Pflanzen werden eingefaßte Gehwege säumen. Es werden keine Blumenbeete behördlich verlegt, keine Grasinseln zur Erholung eingerichtet und keine Parkbänke an aussichtsreichen Punkten plaziert. Die Platzoberfläche wird vielmehr – nach einem Konzept der Künstler Sabine Bitter und Helmut Weber – ähnlich einem Sandplatz mit einer wassergebundenen Decke ausgeführt. Eine „große offene leere urbane Aktionsfläche“, die sich wie ein Tuch zwischen die platzbegrenzenden Randbauten spannt (Architekten Riepl/Riepl). Allein die Qualität des Oberflächenmaterials (Verschmutzung, Abrieb) sorgt für fortgesetzten Diskussionsstoff. Die Kollision von solchen Gestaltungsmaßnahmen mit „Sauberkeitskriterien“ zeigt nicht nur die Grenze unserer „Naturverbundenheit“ auf, sondern verweist auch deutlich auf die kulturelle Konstruktion unseres Naturbegriffes.

Die…

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