Essay · von Axel Hecht · S. 189
Essay , 1973

AXEL HECHT

Kunst in Deutschland 1898-1973

oder: Wie ein armer Museumsmann zu einer teuren Ausstellung kam

Es war einmal ein armer Kunsthallendirektor. Der ärgerte sich schon lange Jahre, daß er einst vom knauserigen Wien in das noch knauserigere Hamburg umgezogen war. Als ihm schließlich sein Senator auch noch den Etat kürzte, damit ein sonderbarer Kauz, der in einem anderen Museum der großen Stadt alte Eisenbahnen und Schiffsmodelle sammelte, noch mehr Eisenbahnen und Schiffsmodelle ankaufen konnte, zog sich der arme Kunsthallendirektor enttäuscht in sein hohes, düsteres Arbeitszimmer zurück. Und niemand sah ihn mehr lachen.

Doch eines Tages meldete ihm seine junge Sekretärin – ihre Vorgängerin hatte das Unglück nicht mehr länger ansehen können und war traurig in den Ruhestand getreten -einen ungewöhnlichen Besucher. Im Vorzimmer, so sagte sie schüchtern, säße ein Mäzen. Der arme Kunsthallendirektor war ganz verwirrt. Denn einen Mäzen hatte er all die Jahre, die er nun schon in der großen Stadt lebte, nicht kennengelernt.

Er bat den Besucher herein und prüfte ihn zuerst, ob er zu jener seltenen Spezies gehörte, die ihre Spendenfreudigkeit mit einem dezenten Schildchen auf dem in zierlichen Lettern ‚Gestiftet von…’stand, belohnt sehen wollte, oder ob er ein wirklicher Mäzen war. Der Besucher, so mußte der arme Kunsthallendirektor verblüfft feststellen, wollte kein Schildchen. Er wollte noch nicht einmal das dazugehörige Bild schenken.

Als er das hörte, wäre der arme Kunsthallendirektor beinahe mißtrauisch geworden. Doch der Besucher konnte ihn gerade noch beruhigen. Er erzählte ihm, daß er der Abgeordnete einer großen Ölhandlung sei, die demnächst ihren 75. Geburtstag feiern wolle. Und damit…

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