Ausstellungen: Kassel · S. 245
Ausstellungen: Kassel , 1987

Dirk Schwarze

Kunst Katalog Kunst

Kunstverein, 11.6.-20.9.1987

Die Zeiten der Bescheidenheit sind passé. Mit einem Heft, das die ausgestellten Werke auflistet, eine kleine Einführung bereithält und dann – als Höhepunkt – ein paar Abbildungen serviert, wagt heute kein professioneller Ausstellungsmacher mehr aufzuwarten. Eine Ausstellung, so scheint es heute gelegentlich, zu der kein buchähnlicher Katalog mit einem stolzen Farbteil erschienen ist, hat so gut wie nicht stattgefunden. Und je höher der Anspruch der Veranstalter, desto dickleibiger fällt das Werk aus. Bei den Großausstellungen kann kaum noch die Qualität geprüft werden, da muß man nach Kilogramm messen. Der Vorteil dieser Entwicklung ist immerhin, daß die in der Katalogfinanzierung steckenden Subventionen zu billigen Kunstbüchern verhelfen.

Das ist die eine Seite. Die andere betrifft den Ehrgeiz der Künstler, mit dem Katalog auch etwas von der Eigenart und Qualität ihrer Arbeit an das Publikum weiterzugeben: Zur Grafik-Ausstellung wird auf hochwertigen Papieren gedruckt oder Michelangelo Pistolettos Spiegelbilder werden auf Spiegelfolie dokumentiert. Hier geht es nicht mehr um kunsthistorische, neutralisierte Information, sondern hier wird der Katalog zu einem Teil der künstlerischen Botschaft, zum Kunstobjekt.

Noch stärker gilt dies für die Kataloge, die die Aktionskunst – von Neo-Dada über Fluxus bis hin zur Performance – hervorgebracht hat. Indem die Aktionskunst sich über die Grenzen des überlieferten Schaffens hinwegsetzte, suchte sie auch nach neuen Formen der Vermittlung und Dokumentation. Das erläuternde, beschreibende Buch hatte auf diesem Feld schnell ausgedient. Statt dessen triumphierten die Wundertüte, die Sammelbox und der Koffer, in der Fotos, Tonbandcassetten, Künstlertexte oder kleine, auf die Aktion bezogene Gegenstände Platz fanden. Diese in begrenzten Auflagen herausgegebenen Kataloge wenden sich nicht an das breite Publikum. Sie wandern meist direkt in die Regale der Sammler, denn sie sind oft wie im Falle von Beuys erklärter Teil des Gesamtwerkes.

Rolf Dittmar, der zur documenta 6 (1977) die Abteilung Künstlerbücher zusammenstellte, ist ein fleißiger Sammler dieser Katalog-Kunst. Für den Kasseler Kunstverein baute er parallel zur documenta 8 die Ausstellung »Kunst Katalog Kunst« auf, in der er mehr als 500 ausgefallene Exemplare seiner Sammlung zeigte – sehr ansprechend in kleinen Gewächshäusern präsentiert.

Auf sinnliche Weise wurde dokumentiert, wie viele Wege es gibt, die Grenzen des Buchdeckels zu sprengen, um den Katalog zum Botschafter der Kunst werden zu lassen. Joseph Beuys, Wolf Vostell und James Lee Byars traten als Spitzenreiter auf, aber auch Pino Poggi und Jürgen O. Olbrich lernte man als Künstler kennen, die immer neue Ideen entwickelten, um ihrer Ausstellung oder Aktion im Katalog eine angemessene und zugleich neue Form zu geben.

Zwischen dem einzigartigen Kunstwerk (ob Bild, Objekt oder Aktion) und der Auflagen-Edition haben sich viele Künstler auf dem Feld der Katalog-Kunst eine dritte Ausdrucksebene erobert, die um so wichtiger wird, je flüchtiger das Einzelwerk ist.

Ein spannender Bereich; eine anregende Ausstellung. Der Versuch von Rolf Dittmar jedoch, diese außergewöhnlichen Kataloge in einem ebenso außergewöhnlichen Werk zu dokumentieren, führte auf einen höchst unsinnlichen Abweg: Das umfassende Werkverzeichnis wurde für 50 DM als dickleibiger Computer-Ausdruck angeboten.