Gespräche mit Künstlern · von Doris von Drathen · S. 278
Gespräche mit Künstlern , 1990

Kunst muß man mit seinem ganzen Nervensystem verstehen

EIN GESPRÄCH MIT DORIS VON DRATHEN

Die Wahrnehmung von Qualität ist traditionellerweise abhängig von einem Raster eingeübter Kategorien. Stephan von Huene läßt dieses Raster in sich zusammenfallen. Mit seinen frühen Arbeiten, sonderbaren Malereien von verbundenen Figuren, oder fetischhaften, ledernen Objekten und mit seinen neuesten Skulpturen, den „Tischtänzern“, realen Hosen zu Tanzbeinen montiert, oder der „Loreley“, einer nach genau analysierten Daten von Verführungsmerkmalen konzipierten blonden Schönheit, stellt er die Geschmacksnerven eines minimal-gewohnten, protestantisch geläuterten mittel-europäischen Zuschauers hart auf die Probe. Dann wieder fasziniert er mit archaisch einfachen Klangskulpturen, die den Ausstellungsbesucher einbeziehen. Immer aber haben seine Arbeiten eine Präsenz, die dem Betrachter unmittelbar begegnet, die ihn aus der gewohnten Welt und den üblichen „Wahrnehmungsfiltern“ heraushebelt. Es ist ein Werk, für das kaum ein geläufiges Kriterium gilt, eine Welt, die unverstellte Sinne fordert.

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DvD: In Ihrer Arbeit spielt die Umsetzung sinnlich wahrnehmbarer Phänomene eine wesentliche Rolle – die Geräusche von Museumsbesuchern, ihre Stimmen und ihre Schritte werden von den „Text Tones“ in Klanggebilden gespiegelt, aus den Vokalen eines Librettos generiert die große Skulptur „Zauberflöte“ ein orgelartiges Musikstück, die „Tischtänzer“ reagieren in ihrem Bewegungsrhythmus auf Radiofrequenzen. Kann man in Ihrer Arbeit so etwas wie eine großangelegte Feldforschung von non-verbaler Kommunikation, von unbewußten Verhaltensmustern sehen?

SvH: Ja, man könnte das vielleicht so sagen, daß ich mit meiner Arbeit etwas erforsche. Mir wäre aber doch der Begriff Experiment lieber: Ich sehe mich als experimentellen Künstler, auch wenn ich diesem Begriff skeptisch gegenüberstehe. Ich möchte damit mehr fassen als nur das Arbeiten…

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von Doris von Drathen

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