Titel: Kunst und Philosophie · S. 316
Titel: Kunst und Philosophie , 1989

Sara Rogenhofer / Florian Rötzer

Kunst und Philosophie: Zum Verhältnis verhinderter Weltenträumer

EIN SCHRIFTLICHER DIALOG

F.R.: Philosophieren ist heute, zumindest für je-manden, der es nicht als Beruf betreibt, bodenlos geworden. Die Denkwege scheinen ausgereizt zu sein, die Entgrenzungen vollzogen und die stetige Interpretation der Tradition ein Geschäft, das wenig mehr zur Deutung der Gegenwart beiträgt, ohne sie, auch in der Rede vom Ende der Philosophie, abschütteln zu können. Auch die Strategie, mit der Philosophie gleich zu ihrem Beginn einsetzte, alles reflektieren zu können, weil der Philosoph in seiner docta ignorantia sich der Unvollkommenheit des Wissens, umgemünzt in die radikale Skepsis eines Nicht-Wissens, als Ausgang einer genuinen und von anderen Quellen wohlunterschiedenen Erkenntnisgewinnung versichert, ist im Zeitalter der Dekonstruktion nicht mehr überzeugend. Wird Philosophie positiv, so ist sie schnell ins Abseits gedrängt, hält sie an ihrer verbliebenen kritischen und dekonstruktiven Position fest, so kann sie nicht mehr an Einsichten mit sich bringen, als irgendwelche Lichtungen, Öffnungen und Dunkelheiten ins Bewußtsein zu heben oder ein Anderes zur Vernunft zu beschwören, das stellvertretend für sie das Schweigen füllen soll, um nicht selbst Unsinn zu reden. Ein Kandidat dafür ist seit der Romantik die Kunst. Sie stellt ein Bild von der Welt vor, ohne in sie einzugreifen, sie ist eine unschuldige Reflexion, die von der mitunter fatalen Geschichte des Wissens kaum kompromittiert wurde. In ihrem geschützten Raum läßt sich das Nicht-Wissen noch am ehesten mit einem unbedenklichen Experimentieren verbinden, ohne gleich katastrophische Ahnungen zu evozieren. Alles ist hier möglich, was man sonst unter rationalem Rechtfertigungszwang nicht mehr…

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