Magazin: Kulturpolitik , 1997

Ingo Arend

Kunststadt Berlin

Zwischen Kunstolymp und Sparsalon verschwinden innovative Projekte

Wird Berlin jetzt Kunststadt, Herr Zwirner?“ fragte im Sommer der Berliner Tagesspiegel gierig den bekannten Kunsthändler und Mitbegründer der Kölner Kunstmesse „Art Cologne“, der dem rheinischen Klüngel zu Jahresbeginn 1996 den Rücken gekehrt hatte und nach Berlin gezogen war. Als ob man nicht wüßte, wo man sei. Was ist Berlin anderes als eine Kunststadt? Als Kolonialstadt wurde sie aus dem märkischen Sand gestampft, die „nicht natürlich wie ein Gewächs, sondern künstlich wie eine Gründung geworden ist“, wie Karl Scheffler in seinem Essay von 1910 „Berlin ein Stadtschicksal“ schrieb. Und was wird Berlin anderes als eine Kunststadt? Ein Blick auf die menschenleere kalte Pracht, die in der neuen Friedrichstraße und am Potsdamer Platz aus dem Sandboden gestampft wird, genügt.

Die törichte Frage verkennt nicht nur Berlins grundlegende Charakterschwäche, sondern tut auch so, als sei die Stadt in den letzten 50 Jahren eine einzige Kunstwüste gewesen, in der höchstens Mauer- und Rinnsteinkunst gedieh. Wer jetzt die 113 Bilder von Picasso bis Klee des emigrierten Berliner Juden Heinz Berggruen und die vor kurzem als großer Publikumserfolg zu Ende gegangene, rekonstruierte Sammlung der frühen Moderne Hugo von Tschudis in der Alten Nationalgalerie gesehen hat, kann zwar wieder einmal das Ausmaß des Kunst-Kahlschlags der Nazis zu erahnen beginnen. Und ein sozialer Kunstkosmos wie der der Kunsthändler- und Intellektuellenfamilie Cassirer existiert auch nicht mehr. Doch trotz der langen Jahre gemauerter Quarantäne blieb Berlin – der Dampfkochtopf auf der Feuerstelle der geteilten Welt – immer Synonym für künstlerische Kreativität. Ohne…

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