Titel: 51. Biennale Venedig · von Michael Hübl · S. 290
Titel: 51. Biennale Venedig , 2005

Michael Hübl

Lettland

Gruppe F 5 (Liga Marcinkevica, Ieva Rubeze, Martinš Ratniks, Ervins Broks)

„Dark Bulb“ Ist das menschliche Gehirn der letzte schwarze Fleck auf der Landkarte unseres Wissens? Die cerebralen Strukturen bilden einen in mancherlei Hinsicht immer noch unerschlossenen Ort, dessen Besonderheit darin besteht, dass er gleichzeitig Untersuchungsgegenstand wie Verständnisinstrument ist – Beobachter und Ziel der Beobachtung. Die lettische Künstlergruppe F5, die sich 1998 gegründet hat, macht diesen mehrdeutigen, polyvalenten Umstand zum Dispositiv ihres Projekts für Venedig. Unter dem Titel „Dark Bulb“ haben Liga Marcinkevica, Ieva Rubeze, Martinš Ratniks und Ervins Broks im Palazzo Malipiero eine Installation eingerichtet, die nach Art populärer Wissenschaftsaufbereitung einen Gang durch die Großhirnrinde anbietet. Der Weg ist vollständig schwarz ausgekleidet, führt in immer dichtere Dunkelheit, so dass man mehr tastend als sehend zum Kern der Gemeinschaftsarbeit, sozusagen dem Stammhirn, vordringt.

Jenseits dieses Punktes ändert sich das Ambiente. Man sieht Naturaufnahmen – grün-schwarze Bilder aus dem Innern eines Waldes, die mit einem Nachtsichtgerät aufgenommen wurden. Durch diese Videobilder wird der konnotative Umraum der Arbeit neu aufgeladen: Das Superhirn wird auf einmal zu einer Metapher für permanente Überwachung und uneingeschränkte Kontrolle. Stellt sich die Installation eingangs als künstlerische Annäherung an ein zentrales Objekt naturwissenschaftlicher Forschung dar und weckt sie zunächst Assoziationen an Platons Höhlengleichnis oder Niki de Saint-Phalles Stockholmer Nana mit ihrem Angebot zur Rückkehr in den Mutterleib, so erweist sich die Arbeit jetzt als ein „entschieden heterogenes Gebilde“, wie es nach Foucault die „Dispositive der Macht“ kennzeichnet. Ein zentrales Merkmal dieser Heterogenität liegt darin, dass sie Gesagtes ebenso mit…

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