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Ausstellungen: Rüsselsheim · von Stefan Römer · S. 353 - 353
Ausstellungen: Rüsselsheim , 2001

STEFAN RÖMER
Lewis Baltz: Was wäre wenn

… die Geschichte am 9. Mai 1897 anders verlaufen und Adam Opel nicht in Rüsselsheim geboren worden wäre?
Kunstverein Rüsselsheim, 7.7. – 22.8.2001

Der amerikanische Fotograf Lewis Baltz erscheint mir innerhalb der Konzeptfotografie als einer der interessantesten Fotografen seit den 1970er Jahren. Seine frühen Fotoserien von dem „Neuen Industriegelände in der Nähe von Irvine, Kalifornien“ (1974, das Buch wird gerade im Steidel Verlag neu aufgelegt), den Serien „Park City“ (1981) und „Candle Stick Point“ (1986) bis zu den Rauminstallationen der 90er Jahren wie „Ronde de Nuit“ (1992) verbindet die Praxis von Baltz spezifische Reflexionen fototheoretischer Positionen, ortsspezifisch entwickelte Perspektiven und fototechnische Entwicklungen, die er auch durch eigene Texte kommentiert. In der legendären Ausstellung „New Topographics“ (International Museum of Photography, Rochester 1976) wurden Baltz‘ Fotografien neben den Arbeiten von Robert Adams, Bernd und Hilla Becher und anderen als eine neue spezifisch analytische Form einer Fotografie vorgestellt, die gesellschaftsbezogene Themen in einer bestimmten Landschaft oder an einem Ort kontextualisierte.

Während sich Robert Adams jedoch auf Landschaftsaufnahmen konzentriert, in denen auch Ansiedlungen vorkommen, und die Bechers sich auf die Architektur konzentrieren, um das fotografische Medium in seiner stereotypisierenden Funktion auf sich selbst zu reflektieren, suchen die Ortsanalysen von Baltz, ihren Blick tastend immer wieder neu auszurichten, zu entwerfen und letztlich einen jeweils ortsspezifischen Blick zu konstruieren.

Mit den wie bei den Bechers in Bildblöcken arrangierten kleinen Bildhaltern suggeriert Baltz in seinen früheren Serien eine fast filmische Wahrnehmung, die ihre Spannung zwischen landschaftlichen Überblicken bis zu Fokussierungen kleinster Details entwickelt. In Leserichtung folgt man den Einzeldarstellungen und wird dabei durch sehr unterschiedliche Blickweisen immer wieder aus einer Linearität herausgerissen; Leerstellen in den Bildblöcken erzeugen zusätzliche Lektürereflexionen. Gegenüber der Wiedererkennbarkeit der Serien der Bechers, die allerdings durch die Gleichförmigkeit von Perspektive, Licht und Ausschnitt auch enervierend wirken, irritiert die dramaturgische Variation von Detail und Kontext in Baltz‘ Bildblöcken den Blick immer wieder.

Ganz anders werden die „Fotografischen Phantasien von Lewis Baltz in der Rüsselsheimer Innenstadt“ – so der Untertitel seiner aktuellen Ausstellung „Was wäre wenn“ – durch einen sehr einfachen fotodigitalen Prozess erzeugt: durch digitale Retusche der Fotografien von der Rüsselsheimer Innenstadt löschte Baltz das Opelwerk. So lakonisch sich dies anhört und so simpel der Eingriff zu sein scheint, so ortspezifisch fiktionalisierend wirkt er. Das Resultat sind unspektakuläre Bilder, die alltägliche Orte in einer Kleinstadt zeigen. Aber diese Bilder genügen nicht seiner künstlerischen Präsentation, obwohl sie in unmittelbarer Nähe zu dem abgebildeten Ort in Schaufenstern von Kaufhäusern oder Banken zu sehen sind. Baltz lädt mit Postkarten dieser wenigen digital manipulierten Motive die AusstellungsbesucherInnen ein, ihre Vorstellung dessen an den Kunstverein zu senden, was ihrer Meinung mit der Stadt passiert „wäre, wenn die Geschichte am 9. Mai 1897 anders verlaufen und Adam Opel nicht in Rüsselsheim geboren worden wäre“. Schließlich entwickelte sich diese Kleinstadt im urbanistischen Schatten Frankfurts in einer ökonomischen und sozialen Symbiose mit dem Opelwerk.

Baltz erreicht hier durch die bilddigitale Auslöschung des historischen Kontexts der Stadt und der Vorstellung ihrer Bewohner eine Fiktionalisierung des Ortes. Es handelt sich somit um die Erweiterung dessen, was Baltz früher in Edward Westons Fotografien als die spezifische Überwindung des für Landschaftsfotografien typischen Piktoralismus analysiert hatte, nämlich die Vergrößerung des Fokus von isolierten Details auf ihren Kontext. Durch die Reflexion des Kontexts, wie sie später vor allem von Dan Graham in seiner Serie „Homes for America“ präzisiert wurde, erweitert er den Bildrahmen auf einen distanzierenden Überblick, wodurch eine Abwertung oder Relationalisierung des Objektes innerhalb seines Umfeldes erreicht wird.

Wenn Baltz nun neuerdings zu einer Synthese aus seinen frühen dokumentarisch orientierten Vorgehensweisen und seinem späteren Einsatz digitaler Bilder in Rauminstallationen kommt, kann dies als eine Weiterentwicklung fotografischer Recherchemethoden angesehen werden, wie er sie bereits in seinem Zyklus „Die Toten von New Port Beach“ (1998) angewandt hatte.

Auffällig an den wenigen Ausstellungen, die Lewis Baltz in Deutschland hatte, ist, dass sie sowohl im Museum für Photographie Braunschweig (1998) als auch im Rüsselsheimer Kunstverein an der Peripherie der deutschen Kunstmetropolen siedeln. Seine spezifischen Aussagen über den zeitgenössischen Fotografiediskurs verbindet Baltz somit auch mit einer gezielten Vermeidung der ausgetretenen kunsttouristischen Trampelpfade. Wenn es eine zeitgenössische konzept-fotografische Strategie gibt, die sich nicht nur über die aktuelle Marktkompatibilität von großformatigen Farbfotografien hinwegsetzt, trotzdem aber eine spezifische Nachfrage genießt, dann ist es die von Lewis Baltz. Auch sein Verzicht auf eine einfache Wiedererkennbarkeit zugunsten intellektueller Prozesse und konzeptueller Experimente lässt einen seine neuen Arbeiten immer wieder mit Spannung erwarten.

Der Katalog auf Deutsch und Englisch hat 14 unpaginierte Seiten und viele farbige und schwarzweiße Abbildungen; Rüsselsheimer Kunstverein: 25,-; Buchhandel: DM 58,-