Ausstellungen: Bremen , 1993

Marion Leske

Zum Thema „Mahnmal“ hat Jochen Gerz sich immer wieder Außergewöhnliches einfallen lassen. Für Hamburg-Harburg konzipierte er eine in den Erdboden absenkbare Säule, in deren Bleimantel jedermann seine Signatur prägen kann. In Dachau wies er mit einer kargen Installation auf sprachliche Analogien zwischen dem ehemaligen KZ und der musealen Gedenkstätte hin, indem er die Wegweiser und Verbotstafeln abfotografierte – das doppeldeutige „Exit“-Schild inklusive. Und in Saarbrücken drehte er jeden Pflasterstein des Schloßplatzes um und gravierte die Ortsnamen jüdischer Friedhöfe auf die Unterseite.

Alle diese Projekte haben etwas gemeinsam. Sie entziehen sich dem Spektakulären. Sie sind frei von Betroffenheitspathos. Sie wehren sich gegen verharmlosendes Abbilden. Sie reflektieren die Verdrängung von Geschichte und halten zugleich die Erinnerung wach. In zwei Fällen geschieht das durch die konsequente Entscheidung für das Schweigen. Im dritten Fall richtet sich das Augenmerk auf Wörter. Und siehe da, sie erweisen sich als suspekt.

Die Foto-Text-Kombinationen des Jochen Gerz erscheinen beim ersten Anblick weniger stringent. Ihnen haftet der Zweifel an. Sie thematisieren seine Skepsis gegenüber der Sprache, sein Mißtrauen gegenüber Bildern. Scheinbar beliebig tasten sich die Fotografien an eine Wirklichkeit heran, die sie doch nur verschwommen wiedergeben können. Die eingeschobenen Texte erzählen nichts, erklären nichts, stellen keinen Zusammenhang her. Dennoch fügen sie sich im Kopf des Betrachters zu einer – wenn auch fragmentarischen – Geschichte. Irgendwann, irgendwo reißt der Faden ab. Und der Leser-Betrachter beginnt von vorn.

Freilich ist es ein monotones Spiel, das Gerz uns da zumutet. Vor allem die jüngste Doppel-Ausstellung im Bremer Foto-Forum und im Neuen Museum Weserburg wächst…

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