Titel: Documenta IX · von Lutz Windhöfel · S. 143
Titel: Documenta IX , 1992

LUTZ WINDHÖFEL

Louise Bourgeois

DAS LEBEN ALS SKULPTUR

Das formale Prinzip von Louise Bourgeois ist, so scheint es, daß es keines gibt. Form bekommt, was sie beschließt, Form werden zu lassen. Damit zählt die 1911 in Paris geborene Künstlerin zu den Demiurgen der klassischen Moderne. Schon mit den ab 1960 parallel bearbeiteten Materialien Stein, Bronze und Gummi führt Bourgeois eine kaum bekannte Spannweite im Bereich der Plastik vor. Allein in diesem Punkt zeigt sich die große Kunst der Synthese, die die klassische Quadriga der Bildhauerei aus Stein, Metall, Gips und Holz mit den plastischen Qualitäten von Latex, Plastik, Wachs, Harz oder Hanf verbindet. Und wenn die seit 1938 in New York lebende Künstlerin in »Hommage to Bernini« (1967), in »Labyrinthine Tower« (1962), in »Baroque« (1970) oder in »Black Torso« (1970) die Stilgeschichte der Skulptur bis hin zu Futurismus, Expressionismus und immer wieder Brancusi umschreibt, so scheint sie stets über den Niederungen des allgemeinen Betriebs zu thronen – wie ihr »Frauenhaus« (»Femme Maison«, 1983) auf dem Marmorblock.

Als man 1989 in Frankfurt, München, London, Barcelona, Bern und Otterloo mit dem über vierzig Jahre gewachsenen Werk von Louise Bourgeois in Europa erstmals umfassend Bekanntschaft machen konnte, herrschte zunächst der Eindruck einer großen, aber doch linearen Verwirrung. Erzeugt wurde diese vor allem durch eine Spannungs-Dualität zwischen minimaler Form und der sich offen präsentierenden Geschlechtlichkeit: Penisse, Hoden, Brüste, Vaginen, Uteri – die hier zu Kunstwerken geworden waren. Daneben, und während aller Phasen der Arbeit, entstanden Stelen aus Holz und Bronze oder sanft-geometrische Formen aus Marmor, Holz und Gummi,…

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