Titel: Betriebssystem Kunst · von Jérôme Sans · S. 92
Titel: Betriebssystem Kunst , 1994

Michel Dector und Michel Dupuy:

Jungfräuliche Ehe

Von Jérôme Sans

In einer Zeit des lauen Konsenses und der „political correctness“ betreiben Michel Dector und Michel Dupuy die Malerei aus einer Position des Widerstands. Dieser entspricht nicht etwa einer romantischen Haltung, die den Glauben an eine effiziente Malerei in einer Welt der real existierenden Bewegung noch zuließe. Widerstand im Sinne von Aufzeichnung der Endzeit aller Zeiten, einer nicht enden wollenden Endzeit. In einer Epoche ohne Bezugspunkte, ohne Glauben, deren Kennzeichen das Ende der großen, alles begründenden Ideologien ist. In diesem Kontext allgemeiner Verunsicherung versuchen Dector und Dupuy, die Kunst wieder in ihrer Dimension als kritische Handlung, in ihrer etymologischen Bedeutung von Engagement, zu verstehen. Also unweigerlich als politische Dimension. Aber das Politische daran hat nichts mit einer Analyse oder besonderen Stellungnahme zu den großen sozialen oder politischen Fragen der heutigen Welt zu tun. Diesen beiden Künstlern geht es nicht um eine moralisierende, denunziatorische Haltung, wie sie heute gang und gäbe ist, sondern vielmehr um das Verständnis von Politik im Sinne der griechischen Etymologie. Es geht um die soziale Auseinandersetzung in der Polis, in der Stadt. Nicht um die auf Konsens bedachte der Medien, sondern die sich in Parolen ausdrückende, als Randerscheinung auftretende, lokal begrenzte, polemische und beleidigende Auseinandersetzung der Straße. Schlagworte, polemische schriftliche Äußerungen von Minderheiten, die auf den Mauern der Städte den einzigen Ort finden, wo sie ihre politischen, ökonomischen, sozialen oder sexuellen Forderungen ausdrücken können.

Michel Dector und Michel Dupuy interessieren sich jedoch keineswegs für diese Forderungen, sie verwenden sie nur, wenn sie…

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