Titel: Inszenierte Fotografie I , 1986

Milan Kunc

Vielleicht muß man in einem anderen als unserem amerikanisch-kapitalistisch geprägten Kulturkreis aufgewachsen sein, um dessen monströse Geschmacklosigkeiten treffend darzustellen. Milan Kunc allerdings läßt in seinen gemalten und fotografischen Bildern keine gewaltigen Unterschiede zwischen diesen und denen des sozialistisch-staatsmonopolistischen erkennen. Hie die standardisierten Fetische des Konsums, da die Fetische einer hypertrophen Ideologie – in ihrer maßlosen Form ähneln sie sich, als entsprängen sie einer verwandten Geisteshaltung. Kunc‘ ‚Künstliche Paradiese‘, grobschlächtig und perfekt wie Disney- oder Phantasialand, penetrant wie die simplen Parolen des sozialistischen Lagers, zeugen weniger vom Sinn des Künstlers für Kitsch als von seiner scharfen Beobachtungsgabe. Erhoben sich die französischen Kathedralen der mittelalterlichen Gotik auf dem Boden einer unbedingten Hingabe an Gott und verkörperten den Willen, seiner Macht angemessenen, diesseitigen Ausdruck zu geben, so hat sich in unserer Welt die metaphysische Ebene in einem nebulösen Eklektizismus ohne besondere spirituellen Anspruch verloren. Eine Kluft zwischen hoher Kunst und folgenloser Unterhaltung wird nur noch von einem primär merkantil orientierten Kunstbetrieb behauptet, wohingegen die Künstler sie längst eingeebnet haben. Die wahren Zeugnisse unserer Kultur sind die Fetische des Konsums oder die schrillen Fanfaren der Ideologie. Die entsetzlichen Bilder von Milan Kunc reflektieren diesen Befund in aller Schärfe. Eine kulturelle Raubritter-Mentalität hat sich durchgesetzt und betrachtet die Werke vergangener und fremder Kulturen als wohlfeile Gegenstände eines weltumspannenden Supermarkts. Wen es angesichts von Kunc‘ Aufnahmen schaudert, sollte sich in der eigenen Wirklichkeit umsehen. Seine Scheußlichkeiten sind die unseren. Ob auf dieser kulturellen Wüste noch neues Leben blühen kann, mag manchem zweifelhaft erscheinen. Milan Kunc…

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