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Ausstellungen: Siegen · von Annelie Pohlen · S. 247 - 249
Ausstellungen: Siegen ,

Siegen
Miriam Cahn MEINEJUDEN

Museum für Gegenwartskunst Siegen 26.06.– 23.10.2022
von Annelie Pohlen

Der Schreibfehler im Ausstellungstitel ist gewollt. So wie jede Setzung in ihrem Werk – unmittelbar, direkt, mal gemein hinterrücks, mal zu schön, dann wieder so brutal, dass es schwer fällt zu glauben, dass all dies zusammen so gemeint sein könnte. Eine platte Attacke auf das Auge ist der orthografische Fehler so wenig wie alle sonstigen Setzungen.

Ihre Themen lassen sich immer benennen. So auch in dem von Miriam Cahn über 14 Räume verschlungen inszenierten Parcours durch fünf Dekaden ihrer künstlerischen Auseinandersetzung im Museum für Gegenwartskunst in Siegen: „Frausein, Geschlecht, Liebe, Sexualität, Gewalt, Antisemitismus, Krieg und Flucht.“ Doch auch das ist symptomatisch für ihr Werk: Seit den Anfängen in den späten 70er Jahren fegen die Energien im künstlerischen Haushalt der 1949 als Tochter eines jüdischen Vaters und einer nicht-jüdischen Mutter in Basel geborenen Künstlerin ungebremst über alle Ordnungsschablonen der grundsätzlich immer wiederkehrenden Themen hinweg. Weswegen die Tatsache, dass sie nach Maria Lassnig (2002) und Bridget Riley (2012) nun als (erst) dritte Künstlerin in die vornehmlich männlich besetzte Riege der mit dem Rubenspreis ausgezeichneten Maler*innen eintritt, an dieser Stelle ebenfalls unter dem Schlagwort symptomatisch registriert sei.

Dies umso mehr als sie in ihrem zugleich anarchisch brutalen wie verführerisch poetischen Werk als Künstlerin und als Frau einen bedingungslos ungeschönten Blick auf ihre / unsere globale Umgebung richtet: Auf das was humane Existenz (nicht) ist; auf das (Ich) Sein in einem fragilen bis geschundenen physischen, emotionalen und geistigen Beziehungsgeflecht nicht nur eigener erinnerter, überlieferter und aktueller Wahrnehmungen gesellschaftlicher Verwerfungen, auf toxische, selbst pornografische Denk- und Handlungsmuster bis heute nicht ausgestandener Geschlechterkämpfe, anhaltende brutale Unterdrückungen bis hin zur Vernichtung sozialer, ethnischer und nationaler Gruppen. „Ihre“ Themen sind nicht neu, sondern so alltäglich (medial) präsent, dass nicht nur sie diese jederzeit „vor der Haustür“ einsammeln kann. Cahn schaut nicht zu, sie agiert mit zorniger Lust, hintersinnigem bis lautem Gelächter, ohnmächtiger Stille und unverwüstlichem Glauben an die dem alltäglichen medialen Overkill trotzenden Bilder ihrer / unserer existentiellen Wirklichkeiten, deren schockierende Zeitlosigkeit bisweilen schwer auszuhalten ist. Dies umso mehr als sie ihr Publikum mit strahlend schönen Atompilzen, mit Raum greifenden schwarzweißen Kreidezeichnungen bedrohlich aufgeladener Natur- und Architekturlandschaften, hingeworfenen Figuren-, Linien- und Wortschwärmen, komplex chiffrierten Texten und Bildtiteln unwiderstehlich zu verführen weiß. Um den selbst im Schmerz lauernden süßen Verlockungen im Gegenzug den Spiegel der spezifischen wie zeitlosen Folgen anarchisch brutaler Gewalt und Kontrollverluste in allen gesellschaftlichen Konstellationen rund um den Globus vorzuhalten.

„WAS MICH ANSCHAUT“, 12.6.2014, ist ein Titel in der mit Werken aus eben diesem Jahr gefluteten Raumarbeit „EREIGNISICH“ 6.3.– 25.9.2014. Es ist ein Titel, der bis heute ihre künstlerischen Reflexionen und Handlungen als Konzentrat begleitet. So wie in einer von einem dreiteiligen Katalog begleiteten Folge von Ausstellungen zwischen 1993 und 1997: Auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien tobten die Nachfolgekriege unter verfeindeten Völkern, Ethnien, Kulturen. Miriam Cahn blickt auf sich, ihre Umgebung und sie blickt auf Menschen in Sarajevo, auf die herumirrenden Mütter, Kinder, Familien. Vertrieben, ermordet wie ihre Ahnen, nicht selten wie Vieh in nur wenigen Stunden ausgerottet. Was war 2014? Donbass! Krim! Und sonst? Was bewegte sie zwischen „in die Zukunft“, 6.3.2014, „Blumen für mich“, 15.3.2014, und „schreck!“ 25.9.2014, unter den vielen Augen, die sie anschauten, ihre Gefühle über sich und das „ichnichtich“ in den Anderen aufzuzeichnen? Und wie in allen Jahren zuvor und danach in immer neuen Anläufen den Blick auf geschundene Körper in privaten wie kriegerischen Auseinandersetzungen, erotische und sexuelle Turbulenzen, quälendes Gebären, verzweifeltes Fliehen und namenloses Sterben zu richten? Weil es sie anschaut. Es sind Augen voller möglicher Empfindungen und solche in blinden oder leeren Höhlen in leeren Gesichtern. Es sind die vielen Gesichter derer, die auf dem Parcours sich selbst und ihre Umgebung und mit dieser ihr Publikum auf Zeit ins Visier nehmen. Oder wie Miriam Cahn – „So fühle ich mich“ – 19.4.2021: Nackt, mit schlaffem Bauch und hängenden Brüsten aus den blinden Augen des herunterhängenden Kopfes in den Raum blickend.

Zu den grausamsten Anschlägen auf die Augen des Gegenübers zählt sicher Cahns „ich als jude“, 7.1.2022. Auf die hitzige Diskussion über Antisemitismus der documenta reagiert sie ebenso entschieden wie lapidar. Das Thema ist und bleibt für sie stets aktuell. Und so verschmilzt ihr Jüdichsein, mithin ihre ganz persönliche Familiengeschichte in der 18-teiligen Serie „meine juden“, 30.12.21, aus Text und Bild in dieser Ausstellung aufs „Schönste“ mit der Suche nach der Essenz des Seins zwischen Geburt und Tod. Von den nackten Körpern im ersten Raum von MEINEJUDEN mit der auf ihnen lastenden Geschichte in „gepäck / gefühl“, 22.1.2022, über „mein gepäck mit den armen meiner großmutter tragen“, 20.1.2022, zu „Überdachte Fluchtwege“, 13.3.2005, wohin, wenn nicht in den Tod; hin zum letzten großen Raum, in dem am 5.2.2022 die Last immer noch auf „großmutterarmen“ taumelt. Wie in all den Jahren zuvor, in glühender Hitze oder am „MARE NOS-TRUM“, an dem die um alles außer ihren nackten Körper gebrachten Individuen, Frauen, Männer, Kinder stranden, die nicht schon 2021+10.1.2022 in „das schöne Blau“ auf der Strecke geblieben sind.

Eine kostenlose Broschüre begleitet die Ausstellung. Eine umfassende Monografie erscheint im September 2022.

www.mgksiegen.de